Ein Sommer in der Backstube: „La France en Pâtisserie“

La France en PâtisserieLa France en Pâtisserie

Im vergangenen Jahr wurde mein Arbeitsalltag mal eben auf links gedreht und ordentlich durchgeschüttelt. Statt am übervollen Schreibtisch fand ich mich plötzlich im papierlosen Homeoffice wieder, zunächst noch ohne Telefon, dann aber umso besser vernetzt mit der Welt.

Auch die Arbeit war plötzlich eine ganz andere. Ok, unsere Medientournee konnte Anfang Februar noch stattfinden, aber danach ging nicht mehr viel von dem, was sonst meinen Arbeitstag füllte. Bereits angesetzte Pressereisen mussten umorganisiert, verschoben oder ganz abgesagt werden. Jedes Zeitfenster im Spätsommer wurde so gut es eben ging genutzt, um Reisen und Recherchen möglich zu machen. Ich freute mich unbändig über jeden Journalisten, der seine Reise antreten konnte, aber es waren halt nicht viele, verglichen mit früheren Jahren.

Die Situation von Journalisten und Bloggern hat sich in diesem Jahr der Krise dramatisch verschärft. Die Kurzarbeit der Redakteure ist noch das kleinere Übel, denn es bedeutet, dass man noch einen Job hat. Freie Journalisten werden seit jeher schlecht bezahlt, und vielen Bloggern oder Content Creators ist schlicht das Geschäftsmodell abhanden gekommen. Wer kauft Reiseartikel oder zahlt Honorare, wenn die Leser nicht reisen können? Viele freie Journalisten mussten sich im vergangenen Jahr komplett umorientieren und konnten zum Teil neue Standbeine finden. Die haben zwar oftmals nichts mehr mit dem Schreiben zu tun, helfen aber, die Miete zu bezahlen. Und dann die Autoren von Reiseführern – ganz arme Würstchen, die gar Abzüge hinnehmen müssen, weil Buchhandlungen nicht verkaufte Reiseführer als Remittenten zurückschicken. Auch bei den Reisebuchverlagen ist die Lage alles andere als rosig, denn niemand kauft im Moment Reiseführer. Allenfalls mit deutschen Destinationen kann man noch einige Leser erreichen. Die Veröffentlichungen neuer Reiseführer wird oftmals um ganze Jahre verschoben.

Und dennoch: auch in schwierigen Zeiten gibt es kreative Ideen, die sich zu etwas ganz Großem entwickeln.

Kein Reisesommer

Ich weiß gar nicht, wie lange ich Johannes J. Arens schon kenne. Ziemlich lange. Ein Journalist und Kulturanthropologe, der sich mit dem Thema Esskultur befasst und zudem in der schönsten Stadt der Welt lebt.

Eins von Johannes´ wunderbaren Bücher, das ich gerade in Etappen, immer mal wieder zwischendurch lese, ist ´Geländegang´. In diesem Buch geht es um viel Begeisterung für die Qualität regionaler Produkte. Die beiden Köche des Kölner Restaurant ´maiBeck´ (da muss ich unbedingt nach der Krise mal hin!) haben sich mit Schreiber und Fotograf auf die Suche nach den besten Forellen, Kartoffeln und Kräutern gemacht, besuchen Produzenten, die für das brennen, was sie herstellen, und zaubern anschließend mit den erstandenen Produkten in der Küche Gerichte, bei denen dem Leser das Wasser im Munde zusammenläuft. Eine tolle Mischung aus Koch- und Lesebuch, das mich Großstädter das Umland mit ganz anderen Augen sehen und meine Wertschätzung für regionale Produkte noch weiter wachsen lässt. Übrigens: aktuell bietet das ´maiBeck´ Menüs für Zuhause an, zur Abholung. Eine gute Möglichkeit, die Not leidende Gastronomie zu unterstützten.

Geländegang

Geländegang

Johannes ist auch der kreative Kopf hinter dem Blog Nachschlag – Esskultur und futtert sich quer durch alle Regionen Frankreichs. Im Geiste ist er damit ein Franzose, denn die Gastronomie ist ein extrem wichtiges Thema für Frankeich und zählt sogar zum immateriellen Weltwerbe der UNESCO. Eine ganz ernste Sache also, und über nichts können Franzosen sich so ausgiebig unterhalten wie über gutes Essen, exquisite Produkte und korrespondierende Weine. So wie Deutschland 80 Millionen Virologen oder Bundestrainer hat, so kann Frankreich knapp 67 Millionen Gastronomiekritiker vorweisen. Ratet mal, in welchem Umfeld ich mich wohler fühle!

Eine Frankreichreise pro Jahr, bei der es neben der Erkundung der einzelnen Regionen auch um die Verkostung der verschiedensten Spezialitäten geht, stand bei Johannes bisher auf dem Programm. Ein Mammutprojekt über sagenhafte 15 Jahre, eine kulinarische Tour de France, die ihren krönenden Abschluss noch nicht finden konnte.

2020 war dann nix mit Reisen.

Ein Sommer in der Backstube

„Ein Sommer ohne Frankreich ist kein Sommer“ – ich war gleich Feuer und Flamme, als Johannes sich im Mai 2020 mit seiner Anfrage meldete. Und zum Glück hatte ich auch die Zeit, mich um seine Anfrage zu kümmern. An die Stelle einer richtigen Reise in die Provence und an die Côte d´Azur sollte eine genussvolle Reise durch die Welt der französischen Pâtisserie treten.

Das Inhaltsverzeichnis verspricht viel Genuß!

Das Inhaltsverzeichnis verspricht viel Genuß!

Backen war noch nie sein Ding, so Johannes, der sich selbst als ambitionierten Hobbykoch bezeichnet. Aber gerade eine Krise bietet sich an, eigene Grenzen zu überwinden. Die Backstube – Terra incognita und zugleich persönliche Herausforderung.

So wie Marcel Proust auf der Suche nach der verlorenen Zeit war, so begab Johannes sich auf die Suche nach der Essenz der französischen Pâtisserie. Ein ambitioniertes Projekt, das unsere französichen Partner ordentlich aufgemischte, denn es ging zunächst darum, die regionaltypischen Spezialitäten zu identifizieren und dann Rezepte der Klassiker zu finden. Und überhaupt galt es zunächst einmal eine Liste der Spezialitäten zu erstellen, die Berücksichtigung finden sollten. Dauernd kam neues Gebäck hinzu, andere Ideen wurden gestrichen.

Macarons d´Amiens, in Szene gesetzt von Jennifer Braun

Macarons d´Amiens, in Szene gesetzt von Jennifer Braun

Der Gedanke: ein von einem französischen Pâtissier handgeschriebenes Rezept auf einer nostalgisch anmutenden touristischen Postkarte sollte jeden Blogbeitrag illustrieren und gleichzeitig die Spezialität in ihrer Ursprungsregion verorten. Das hat leider nicht immer geklappt. Vielleicht war dieses Ansinnnen des Journalisten aus Deutschland dann doch zu bizarr … Aber ich sehe immer das Positive und freue mich über die Fälle, wo es geklappt hat: das Rezept der Macarons d´Amiens zum Beispiel hat Pâtissier Jean-Alexandre Trogneux aufgeschrieben, der ein Neffe von Brigitte Macron, geborene Trogneux, ist. Pâtisserie mit quasi politischer Dimension. Ich glaube, ihr ahnt, warum mir meine Arbeit solchen Spaß macht, oder? Es ist immer spannend.

An zwei Wochen im August letzten Jahres hat Johannes dann in der Backstube gestanden und auch ein Scheitern an der Gebäckfront gelassen hingenommen. Grammgenaues Abmessen ist nicht sein Ding, und es klappt auch nicht immer alles so, wie es in den Rezepten steht. Zudem hat Johannes sich zielgenau die zwei heißesten Wochen des Jahres für sein Experiment ausgesucht.

Ich habe das ganze Projekt mit über die Monate wachsender Begeisterung von meinem schattigen Homeofficeplatz im Garten aus beobachtet. Schade, dass ich in der Zeit nicht in Köln war, denn ich hätte mich gerne angeboten, die verschiedenen Gebäcke zu verkosten….

Diese Postkarten machen Appetit!

Diese Postkarten machen Appetit!

Das ganze Projekt hatte in der Zwischenzeit Fahrt aufgenommen und mit Jennifer Braun war eine Fotografin an Bord gekommen, die die Leckerlis im Stil der 1970er Jahre fotografierte. Resultat war eine Serie von köstlichen Blogbeiträgen, die ich wiederum mit großer Begeisterung an unsere französischen Partner verteilt habe. Aber mit einer richtigen Fotografin geht noch mehr…

Crowdfunding für ein Buch? Mais oui!

Viel Herzblut, viel Material, tolle Geschichten und großartige Fotos. Geboren war die Idee eines Buches. Aus 49 Eiern, 2.775 g Zucker und 1,675 kg Butter konnte noch mehr entstehen als nur das Schreiben für´s Internet, nämlich ein richtiges Buch – genau wie die Spezialitäten regional verankert und bei einer kleinen Druckerei im Umland von Aachen gedruckt.

Für mich war es das erste Crowdfunding-Projekt, an dem ich mich beteiligt habe. Weil ich Johannes kenne und weiß, dass nur etwas Großartiges herauskommen kann, und auch, weil mich seine Begeisterung angesteckt hat. Und wie habe ich mich über den Frühbuchertarif gefreut, den ich ergattert habe, da ich unter den ersten Bestellern war… Ein Investment in Bücher.

Wir funktioniert das mit dem Crowdfunding? Ganz einfach: gebraucht wurden genau 9.630 € für Lektorat, Druck, Verpackung und Porto. Johannes, Jennifer und Monika Koch, die die Gestaltung des Buchs entwickelte, sind Überzeugungstäter und arbeiteten alleine für Ruhm und Ehre. Anvisiert war eine kleine Auflage von nur 500 Exemplaren – ein exklusives Werk, das nicht im Buchhandel zu bekommen ist. Über die Kampagnenseite konnte man einzelne Pakete buchen und so seinen ganz persönlichen Beitrag zur Entstehung des Buches leisten.

Hätten die drei das Crowdfundingziel nicht erreicht, dann wäre das Geld schlicht nicht von der Kreditkarte abgebucht worden – was sehr schade gewesen wäre. Aber das Projekt ist gut gelaufen und konnte insgesamt 211 Unterstützer finden, so dass tatsächlich mehr Exemplare gedruckt werden konnten als ursprünglich geplant. Ihr habt also auch jetzt noch die Möglichkeit, diese Rarität zu erstehen. Schaut mal auf dieser Website vorbei: https://zwischengang.de/!

La France en Pâtisserie

La France en Pâtisserie

Das Buch!

Und wie ist das Buch geworden? Schlicht großartig. Ein schmales Buch, mit knapp 100 Seiten. Ich mag ja sonst eher die dicken Wälzer, aber hier lasse ich die Ausnahme zu. Die 14 Kapitel nehmen den Leser mit auf eine Reise durch fast ganz Frankreich, wobei Johannes die Spezialitäten immer in Bezug zu seinen früheren Reisen setzt. Ihr könnt euch doch bestimmt auch genau an die Situation erinnern, in der ihr etwas besonders Köstliches probiert habt, oder? Mir geht es definitiv so, und ich sehe dann das Gericht oder Gebäck genau vor meinem inneren Auge, höre die Geräusche und sehe die Farben. Johannes tritt mit seinen Texten fast in die Fußstapfen von Marcel Proust, denn auch Erinnerungen können uns auf Reisen mitnehmen und in dieser Krisensituation kann köstliches Backwerk das tatsächliche Reisen ersetzen.

Marcel Proust bedeutet Text, sehr viel Text, und das ist bei „La France en Pâtisserie“ zum Glück ganz anders. Jennifer Braun ist die Fotografin des Bandes und ihre Fotos sind schlicht eine Pracht. Sie liebt Ordnung. Linien und Symmetrien, die gezielt durchbrochen werden. Viel Ruhe und eine sehr stimmige Farbpalette. Man kann das Buch lesen oder sich einfach von einem Foto zum nächsten vortasten. In der Vorbereitung des Shootings hat Jennifer sich alte französische Werbespots aus den 1970er Jahren angesehen. Und ich Banause habe aus dieser Zeit eigentlich nur die grellbunte Prilblumen vor Augen…

Monika Koch kam zum Projekt dazu, als Text und Fotos schon vorlagen. Sie hat die Gestaltung des Buches erarbeitet. ich musste sehr lachen, als ich von dem ´leicht französischen Touch´ las, den sie gleich mit ´Drama´ in Verbindung bringt. Da ist was dran.

Neben den Kapiteln zu den einzelnen Spezialitäten der Pâtisserie gibt es verschiedene Einschübe zu Produkten wie Vanille oder Zuckerrohr. Einige Besonderheiten der französichen Gastronomie lassen sich aus der Geschichte des Landes als Kolonialmacht erklären. Viele Produkt haben ihre ganz eigene Geschichte, die aber heute vielleicht die wenigsten Reisenden kennen. Zuckerrohr kann man heute einfach als die Basis für den guten AOC-Rum aus Martinique verstehen, es verweist aber gleichzeitig auf die Zeit der Sklaverei. Von Nantes aus wurden einst die Sklaven aus Westafrika in die Karibik verschifft, um dort auf den Zuckerrohrplantagen den Reichtum der Kolonialherren zu mehren. Die Stadt Nantes arbeitet seit einigen Jahren die Zeit des Sklavenhandels gut auf und macht das Wissen den Besuchern zugänglich. Im französischen Jura kann man die Zelle besuchen, in der Toussaint Louverture, den Anführer der haitianischer Revolution, eingesessen hat. Und auf Martininique wirbt man längt nicht mehr nur mit der Schönheit der Strände, sondern macht die Zeit der Sklaverei sicht- und erlebbar, als Teil des historischen Erbes.

Was am Ende bleibt...

Was am Ende bleibt…

Mein Fazit

Viele der Anfragen, die ich bekomme, verlaufen im Sande. Vielleicht bringen sie auch Ergebnisse, die ich jedoch nie zu Gesicht bekomme. Aber wie toll ist es, wenn ein Projekt wächst und gedeiht und immer neue Blüten treibt? Die Krise, in die uns dieses fiese Virus gestürzt hat, hat weitreichende und gravierende Folgen für uns alle, aber es gibt eben auch die positiven Momente, die zumindest mich alles Negative zwar nicht ganz vergessen, aber doch für einen Moment ausblenden lassen. Hätte Johannes wie geplant seine Reise nach Südfrankreich unternehmen können, dann würde ich heute dieses wunderbare Buch nicht in Händen halten. Jennifer hätte nie ihre wunderbaren Fotos machen können, Monika hätte nix zum Gestalten gehabt. Und das wäre definitiv schade gewesen!

 

Teile diesen Beitrag:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.