Mein Tor zu Ostfriesland: Wilhelmshaven

Kaiser-Wilhelm-Brücke, WilhelmshavenKaiser-Wilhelm-Brücke, Wilhelmshaven

Meist ernte ich verständnislose Blicke, wenn ich erzähle, dass Wilhelmshaven mir ausgesprochen gut gefällt. Echte Wilhelmshavener oder Menschen, die dort einen guten Teil ihres Lebens verbracht haben, zweifeln wahrscheinlich gleich an meinem Verstand, sind aber natürlich viel zu höflich, das laut auszusprechen.

Nicht jeder kann das Glück haben, in der schönsten Stadt der Welt geboren zu sein, aber ich glaube, das erklärt, warum mir diese Stadt im hohen Norden so gut gefällt: Wilhelmshaven ist genausowenig wie Köln eine im wörtlichen Sinne schöne Stadt. Es gibt jede Menge Baulücken und in der Einkaufsstraße erlebt man den Niedergang der Wirtschaft. Etliche Geschäfte stehen leer und manche Ecken bieten ein ganz trostloses Bild.

Aber dennoch: was für ein magisches Licht!

Magisches Licht - am Südstrand

Magisches Licht – am Südstrand

Das Licht hat mich gleich bei meinem ersten Besuch in Wilhelmshaven begeistert. Für ein Barcamp war ich ans Ende der Welt gereist, noch dazu Ende Januar. Und ich gebe zu: ich musste zunächst einmal auf die Karte schauen, wo dieses Wilhelmshaven überhaupt liegt. Mindestens 6 1/2 Stunden beträgt die Fahrtzeit mit dem Zug von Hessen aus, wobei bis Bremen immerhin noch ein ICE fährt. Danach wird es gemütlicher mit Regionalexpress und Nordwestbahn.

Das Licht des Nordens

Das Licht des Nordens

In wenigen Schritten gelangt man vom Bahnhof aus ans Wasser, genauer: an den Ems-Jade-Kanal. Ich frage mich, ob auch Maler Wilhelmshaven schon entdeckt haben. Hier hätte ebenso wie in der Normandie die Wiege des Impressionismus stehen können. Ruhiges Wasser auf dem Kanal, dazu ein blank geputzter Himmel und Wolkenformationen in schneller Bewegung. Immer ein wenig Wind und das Geschrei der Möwen im Ohr. Herrlich.

Flanieren am Kanal

Flanieren am Kanal

Immer am Wasser entlang

Eine schön angelegte Flaniermeile führt vom Hauptbahnhof mit seiner Nordseepassage zum Südstrand und damit mitten ins maritime Zentrum Wilhelmhavens. Vorbei geht es an alten Pötten, historischen Schiffen und ganz nebenbei kann man noch das Küstenmuseum besuchen.

 

Das Küstenmuseum zeigt Exponate aus der Geschichte von Stadt und Region. Es befindet sich in einer früheren Exerzierhalle der Kaiserlichen Marine. Eine preußische Pickelhaube darf hier natürlich nicht fehlen, aber man erfährt auch einiges über die Arbeit der Deichbauer.

Eine Augenweide: Die Kaiser-Wilhelm-Brücke

Ein echter Hingucker, schon von Weitem zu sehen, und heute Wahrzeichen von Wilhelmhaven ist die Kaiser-Wilhelm-Brücke. Sie verbindet die Südstadt mit dem Südstrand. Ein beeindruckendes Bauwerk mit einer Spannweite von 159 Metern, dazu neun Meter hoch. Ich kann nicht nach Wilhelmshaven kommen, ohne über die Brücke zu laufen – mehrfach!

Die Kaiser-Wilhelm-Brücke in magischem Licht

Die Kaiser-Wilhelm-Brücke in magischem Licht

Ende 1905 wurde mit dem Bau des Fundaments begonnen; ab 1906 wurde die Stahlkonstruktion in Gustavsburg angefertigt und dann auf dem Wasserweg zur Endmontage nach Wilhelmshaven gebracht. Im September 1907 wurde die Kaiser-Wilhelm-Brücke in Betrieb genommen. Die Bauzeit von knapp zwei Jahren treibt heutigen Bauplanern wahrscheinlich Tränen in die Augen, ebenso die Kosten: rund 1,625 Millionen Goldmark.

 

Lesen hier Techniknerds mit? Die Kaiser-Wilhelm-Brücke ist funktional eine Doppeldrehbrücke und gehört statisch als Zügelgurtbrücke zur Familie der Hängebrücken. Sie besteht aus zwei selbständig drehbaren gleicharmigen Brückenteilen. Und das Tolle: die Technik funktioniert heute noch!

Ausflug in die Geschichte

Wilhelmshaven ist eine sehr junge Großstadt, aber wie kam es zur Stadtgründung? Im Jahr 1853 kaufte Preußen durch den sog. ´Jade-Vertrag´ dem Großherzogtum Oldenburg ein Stück Land am Jadebusen ab, um Zugang zum Meer zu erhalten und einen Marinestützpunkt zu errichten. Es begann die Planung für den ersten deutschen Kriegshafen. Ursprünglich war eine zivile Ansiedlung nur sehr begrenzt geplant und sollte nur im Zusammenhang mit der Arbeit im Hafen und auf den Schiffen zugelassen werden. Die Stadtplanung auf dem Reißbrett ist heute durch die rechtwinklig zueinander stehenden Straßen erkennbar.

Moin Moin

Moin Moin

1869 erhielt die Stadt durch König Wilhelm I. von Preußen ihren Namen, und zwar in niederdeutscher Schreibweise mit ´v´. Und eben dieser Wilhelm wurde durch die Reichsgründung 1871 zum ersten deutschen Kaiser und Namensgeber für die wunderbare Brücke.

 

Wilhelmshaven ist heute dank des tiefen und breiten Jadefahrwassers der größte  Marinestützpunkt Deutschlands. Das Schicksal von Marine und Stadt ist eng miteinander verbunden und es gibt so manche Höhen und Tiefen. Wirtschaftlicher Blüte von 1871 bis 1914 sowie von 1933 bis 1939 und Niedergang und Zerstörung als Folge der Weltkriege wechseln sich ab. Durch den Containerterminal hofft Wilhelmshaven auf eine dritte wirtschaftliche Blüte – jetzt dank ziviler Hafenwirtschaft.

Le Patron am Meer

Le Patron am Meer

Am Südstrand

Die entspannte Atmosphäre am Südstrand mit seinen Hotels und Cafés zieht mich magisch an. Die Promenade ist in Klinker gehalten und die Bauten stammen aus den späten 1920er Jahren. Aber warum eigentlich Südstrand? Tatsächlich verfügt Wilhelmshaven über den einzigen Südstrand an der Nordseeküste, denn der Jadebusen weist hier einen Knick auf, so dass der Strand tatsächlich nach Süden weist. Man muss sich nur entscheiden: Flanieren auf der Promenade oder Spazieren direkt am Strand?

 

Die Skulptur ´Welle über die Mauer´ von Werner Reichhold bildet den Eingang zur Südstrandpromenade. Und ja, sie verändert sich mit dem Licht.

In the navy: das Deutsche Marinemuseum

Rund um diese martime Meile am Südstrand finden sich auch einige Museen und Attraktionen. Direkt an der Küste vor Wilhelmshaven beginnt das Wattenmeer, das zum UNESCO-Welterbe ernannt wurde. Ein Besucherzentrum leistet hier eine tolle pädagogische Arbeit, um zum Erhalt dieses Naturschatzes beizutragen. Wer nicht nur Fisch essen, sonder auch Fisch anschauen will, der kann das im Aquarium tun.

Mein Highlight ist das Deutsche Marinemuseum, und schon der Blick von der Kaiser-Wilhelm-Brücke aus in Richtung Hafenbecken ist äußerst vielversprechend.

Blick auf´s Marinemuseum

Blick auf´s Marinemuseum

Untergebracht ist das Marinemuseum in einer ehemaligen Werkstatt der Kaiserlichen Werft, die 1888 erbaut wurde. Um 160 Jahre Geschichte der deutschen Marine geht es in der Dauerausstellung im historischen Museumsgebäude. Dr. Stephan Huck ist der Leiter des Museums, und er brennt für das, was er hier tut. Seine Führungen sind ein wilder, faszinierender Ritt durch die Geschichte und der beste Beweis, dass Museen lebendige Orte der Auseinandersetzung mit Geschichte sind.

 

Spannend ist es auch auf dem Außengelände, denn hier kann man sich die alten Schätzchen aus allernächster Nähe anschauen. Es wird zum Teil ein bisschen eng, aber es ist ein Erlebnis, über alle vier Decks der ´Mölders´ zu laufen – ein Lenkwaffenzerstörer, der nach 34 Dienstjahren erst 2003 außer Dienst gestellt wurde. 134 Meter Länge, dazu 334 Mann Besatzung und 35 Knoten Höchstgeschwindigkeit. Klaustrophobische Erlebnisse für die Besucher sind übrigens im Eintritt inbegriffen.

 

Was es noch zu sehen gibt: das Minenjagdboot Weilheim. Das Unterseeboot U 10, das zum Schutz der NATO-Nordflanke gedacht und nach dem Ende des Kalten Krieges überflüssig, sprich: museumsreif war. Das Schnellboot S71 Gepard. Wer immer sich für technische Daten begeistert, ist gut bedient, denn überall gibt es ausführliche Erläuterungen. Mir reicht es vollkommen aus, über das Gelände zur mäandern.

 

Was ich an Museen immer sehr schätze, das ist eine gescheite Möglichkeit zur Einkehr. Das Marinemuseem verfügt über ein schönes Café, ein wenig mit dem Charme einer Universitätsmensa. Kuchen mit Blick auf alte Schiffe.

 

Wenn ihr mehr über Deutsche Marinemuseum erfahren wollt, dann klickt auf diesen Link!

Zurück in den Hörsaal

Es gibt eine Institution, die eine meiner persönlichen Hauptattraktionen in Wilhelmshaven ist: die Jade-Hochschule. Denn ein Aufenthalt in Wilhelmshaven kann auch heißen: zurück in den Hörsaal und in Seminarräume.

Ich habe in den 1990er Jahren an der altehrwürdigen Universität zu Köln studiert. Ob es nun 50.000 oder 60.000 Studenten waren, das war eigentlich auch schon egal. Unvergessen die Germanistik-Veranstaltungen, bei denen es nur den Seniorenstudenten gelang, einen Sitzplatz zu ergattern, weil nur sie die Zeit hatten, eine Stunde vor Seminarbeginn vor Ort zu sein. Aber wer wählt auch schon Germanistik als zweites Nebenfach – selbst schuld. Und dann die Übersetzungskurse in Französisch mit 50 % Durchfallquote. Während meines Auslandssemesters in Clermont-Ferrand hab ich mir die Zeit dann schon sehr viel angenehmer gestalten können und nur das gemacht, was mir Spaß gemacht hat: Übersetzungen (Thomas Mann und Konrad Adenauer!), ein bisschen Kunstgeschichte und Altfranzösisch, und nebenbei die Magisterarbeit vorbereiten. Ansonsten bin ich auf den Vulkanen der Auvergne rumgekraxelt, habe mir unzählige kleine Schlösschen und Dörfer angesehen und mich durch die französische Käsepalette gefuttert.

Tourismuscampus - Jade-Hochschule

Tourismuscampus – Jade-Hochschule

Die Jade-Hochschule bedeutet in gewisser Weise ein ´zurück zu den Ursprüngen´ für mich. Es ist schon ein schönes Gefühl, nach vielen Jahren mal wieder in einem Hörsaal zu sitzen und den Kopf rauchen zu lassen.

 

Die Fachhochschule erstreckt sich über mehrere Standorte, und in Wilhelmshaven kann man Tourismuswirtschaft und Internationales Tourismusmanagement studieren. Es ist einem engagierten Professor, nämlich Enno Schmoll, zu verdanken, dass die Jade-Hochschule gemeinsam mit Ostfriesland-Tourismus schon mehrfach Ausrichter des Tourismuscampus war. Forschung trifft Praxis. Ein großartiger Ansatz für ein Barcamp, das auch jeden, der schon x Jahre im Beruf ist, ordentlich auf den Kopf stellt. Prinzip des Barcamps ist ein Austausch auf Augenhöhe zwischen Professoren, Studierenden und Praktikern, wobei das Spannende am Tourismuscampus war, dass ich eigentlich nie sicher wußte, zu welcher Kategorie mein Gegenüber gehört. Und jeder duzt jeden – sehr angenehm! Ich freue mich jedenfalls sehr auf eine Fortsetzung des Tourismuscampus, sobald wir dieses fiese Virus im Griff haben. Im Herbst 2022 soll es so weit sein – viel Zeit also für Vorfreude.

Prächtige Industriekultur: das Pumpwerk

Warum das Alte abreißen? Überall finden alte Industrieanlagen eine neue Nutzung. Auch in Wilhelmshaven gibt es ein schönes Beispiel: das Kulturzentrum Pumpwerk. Ganz nebenbei ist es auch eine ideale Location für entspanntes Schwatzen nach einem langen Barcamptag. Erbaut wurde das Pumpwerk hinter dem Banter Deich in den Jahren 1903 bis 1907, und es hatte die Aufgabe, die unter dem Meeresspiegel liegende Stadt trocken zu halten. Seit 1976 ist es Kulturzentrum und Veranstaltungsort.

 

Auch gastronomisch wird man hier bestens versorgt, und ich durfte erfahren, dass man in Norddeutschland nicht ohne Grünkohl, vorzugsweise mit ordentlich Mettwurst, Kasseler und Senf, überleben kann. Und hinterher einen Schnaps… Wusstet ihr, dass es im Winter Kohlfahrten und sogar ein Kohlkönigenpaar gibt?

Grünkohlkoma

Grünkohlkoma

Feine Adressen

Ich mag sehr gerne kleine, inhabergeführte Hotels, und in Wilhelmshaven habe ich in zwei Häusern gewohnt, die weit ab liegen vom Trubel der Stadt und der maritimen Meile. Einmal das Hotel Fürstenwerth und dann das Beans-Parc Jade. Beide Hotels befinden sich in Laufnähe des Bahnhofs und beide sind unverschämt günstig. Im Beans-Parc zum Beispiel war der Preis des  Frühstücks mit 4 € angegeben, und es hat mich vollkommen überfordert, was mir kredenzt wurde.

 

Jenseits der Stadtgrenze

In Wilhelmshaven endet die Autobahn, und die Stadt ist tatsächlich auch ein guter Startpunkt zur Entdeckung Ostfrieslands. Fährt man nur ein paar Kilometer, dann eröffnet sich plötzlich dieses Panorama.

Was braucht der Mensch mehr als einen Strandkorb?

Was braucht der Mensch mehr als einen Strandkorb?

Dieses Strandkorbidyll habe ich vollkommen unvermutet in Hooksiel entdeckt. Die Landschaft ist purer Balsam für Großstädterseelen und sehr empfehlenswert, wenn man – so wie ich – gedanklich noch in der Organisation von Pressereisen steckt. Ich kann tatsächlich Stunden am Strand entlanglaufen und auf Wasser und Wolken schauen. Und die Küste bietet eine Entdeckung nach der anderen: von Hooksiel geht es weiter nach Horumersiel sowie zu den weiteren Sielorten Carolinensiel und Neuharlingersiel. Und ein Ort ist schöner als der andere!

Von Wilhelmshaven nach Hooksiel

Von Wilhelmshaven nach Hooksiel

Weiterlesen

Seid ihr neugierig geworden auf Wilhelmshaven? Dann schaut doch einmal bei About Cities vorbei, dem Verband der Städte Niedersachsens. Die Website ist prall gefüllt mit Insidertipps, nicht nur zu Wilhelmshaven, sondern auch zu anderen, oftmals wenig bekannten Städen im Norden.

Falls ihr lieber ein richtiges Buch in Händen haltet, dann kann ich euch ´Wilhelmshaven. Die Seehafenstadt´ von Martin Wein, erschienen im Wartberg Verlag, ans Herz legen. Ich habe darin schon wieder einiges entdeckt, was ich mir bei meinem nächsten Besuch auf jeden Fall ansehen werde.

Wilhelmshaven, von Martin Wein

Wilhelmshaven, von Martin Wein

 

Teile diesen Beitrag:

3 Kommentare

    • Danke für deine lieben Worte! Ich wäre auch nie auf diese Idee gekommen, aber das ist ja auch das Tolle an Barcamps: sie bringen dich immer dazu, in unbekannts Sphären vorzudringen. So war ich ja auch schon in Berchtesgaden, St. Peter-Ording und zuletzt in Treuchtlingen. Und vielleicht habe ich bei meinem nächsten Besuch in Wilhelmshaven dann auch eine richtige Kamera dabei…

  1. Gisela Hotz

    Ein sehr schöner Bericht über Wilhelmshaven. Meine Tochter ist vor 7 Jahren nach Wilhelmshaven gezogen. Sie fühlt sich sehr wohl dort. Ich besuche sie oft und finde Wilhelmshaven auch sehr schön.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.