Einfach mal die Zeit anhalten: Carolinensiel & Harlesiel

In CarolinensielIn Carolinensiel

Die erste Annäherung an Carolinensiel ist gar nicht so spektakulär: eine Straße mit vielen Läden voller Kitsch, die auf Touristen warten, dazu einige Hotels, Cafés und Restaurants. Für meinen Geschmack ist es schon früh am Morgen fast zu eng auf dem Bürgersteig. Aber immerhin gibt es auch die Deichkirche von 1776 – die einzige Kirche an der Küste, die auf einem Deich errichtet wurde. Und noch dazu eine, bei der der Kirchturm nebenan steht, denn man befürchtete, dass der Untergrund ein Kirchengebäude nebst Turm nicht würde tragen können. Der Turm ist außerdem wegen häufigen Sturms sehr kompakt und niedrig gehalten. Ungewohnt anzusehen.

Zum Museumshafen in Carolinensiel

Die Szenerie ändert sich, sobald man in Richtung des Museumshafens läuft. Hier ist die moderne Zeit ausgeblendet und auch vom Lärm der Autos auf der nahen Straße ist fast nichts mehr zu hören. Stattdessen eröffnet sich der Blick auf den kleinen Hafen an der Harle.

Der Museumshafen in Carolinensiel

Der Museumshafen in Carolinensiel

Unglaublich: der Museumshafen ist der alte Sielhafen, d.h. bis hierher reichte einst die Nordsee. Dort, wo heute das rund zwei Kilometer entfernte Harlesiel liegt, war früher die Harlebucht. An dieser Stelle wird deutlich, wie viel Land der Mensch dem Meer über die Jahrhunderte abgetrotzt hat.

An der Stelle, wo die Harle auf den Deich traf, errichtete man 1729 den Sielhafen. 1730 wurden dann 23 Neusiedlern Grundstücke zugewiesen: sie erhielten jeweils 200 Quadratmeter direkt am Hafen sowie ein bis zwei Hektar Land außerhalb, um die Selbstversorgung gewährleisten zu können. Und dazu 10 Jahre Steuerfreiheit.

 

Das Konzept ist aufgegangen, denn 70 Jahre nach der Gründung zählte Carolinensiel bereits 750 Einwohner. Durch die geschützte Lage war der Hafen den gefährlichen Sturmfluten nicht mehr ausgesetzt. Er erlebte seine Blütezeit im 18. + 19. Jahrhundert. Um das Jahr 1860 zählte man 40 Kapitäne mit 59 Schiffen.Viel Leben im Hafenbecken, wenn sie alle ihren Platz finden wollten! Dazu kamen zwei Werften, vier Brauereien und unzählige Gaststätten. Ob es hier einen Zusammenhang gibt?

Mein Traumschiff

Mein Traumschiff

Fischerei wurde zum Haupterwerb, und die Fischkutter fuhren zum Krabbenfang aus. Familien im Hinterland verdienten sich ihr Geld, indem sie Granat schälten.

Oh my darling Caroline

Die Namensgeberin des Ortes ist Fürstin Sophie Caroline, die Gemahlin des Ortsgründers Georg Albrecht von Ostfriesland. Ihr ist an der Stirnseite des Hafens ein Denkmal gesetzt. Die Skulptur soll an den ´Cliner Wind´ erinnern, der für Lebensfreude, Weltoffenheit, Tatkraft und Wagemut steht. Lauter Eigenschaften, die auch wir heute noch gut gebrauchen können.

Sophie Caroline

Sophie Caroline

Caroline bewahrt den Überblick über den Hafen, aber unten, direkt am Hafenbecken, steht noch eine weitere Skulptur. Es scheint fast, als ob die Ostfriesen sich hier über das Klischeebild eines Touristen lustig machen, der, mit einem Fotoapparat bewaffnet und Socken in den Sandalen, auf der Jagd nach Schnappschüssen ist…

Immer diese Touristen!

Immer diese Touristen!

1804 begann die Entwicklung des Tourismus in Carolinensiel, allerdings war der Ort vor allem Durchgangsstation für Badegäste, die zu den Inseln Wangerooge und Spiekeroog wollten. Heute lohnt sich das Verweilen.

Entlang der Harle

Die Holzkutter und Plattbodenschiffe immer fest im Blick, kann man einen wunderbaren Spaziergang entlang der Harle in Richtung Harlesiel unternehmen. Auf dem Weg liegen das Deutsche Sielhafenmuseum und, in der Alten Pastorei, das Nationalpark-Haus, in dem sich alles um das Wattenmeer dreht.

Nationalpark-Haus Carolinensiel

Nationalpark-Haus Carolinensiel

#wattbesünners

#wattbesünners

Ausflüge auf der Harle kann man übrigens mit dem Raddampfer ´Concordia´ unternehmen.

Die Zeit anhalten – Teetied

Könntet ihr an diesem schmucken Haus vorbeigehen? Das historische Kapitänshaus aus dem Jahr 1812 zog uns magisch an, und was lag näher, als bei einer ostfriesischen Teetied die Zeit anzuhalten?

Sagenhafte 300 Liter Tee trinkt der Durchschnittsostfriese pro Jahr, und wir haben hier unser Ostfriesenrecht in Anspruch genommen: drei Tassen pro Tag. Soviel passt in eins der wunderbaren Kännchen, die ich am liebsten gleich eingepackt hätte. Kluntje, also Kandiszucker, gehört als erstes in die Tasse, darauf kommt der heiße Tee, so dass es in der Tasse knistert und knuspert, und dann ein Löffel Sahne, das ´Wulkje´. Die Sahne wird dabei gegen den Uhrzeigersinn gegossen – damit hält man die Zeit an. Was soll ich euch sagen? Es hat geklappt!

 

Apropos Tee: die Ostfriesen haben in ihrer Geschichte auch Tee geschmuggelt. Auch wenn darauf die Todesstrafe stand. Es war ein einträgliches Geschäft zur Zeit der siebenjährigen Besatzung durch die napoleonischen Truppen ab 1806. Napoleon hatte die Kontinentalsperre verhängt und damit den Handel mit England unmöglich gemacht.

Auch das Innere des ´Tüdelpott´ ist absolut reizend! Hier wurde mit viel Liebe zum Detail eingerichtet und dekoriert. Zum Haus gehört auch eine Ferienwohnung, eine Minigolfanlage und ein kleiner Bootsverleih.

Harlesiel

Nach einem gemütlichen Spaziergang entlang der Harle gelangt man nach Harlesiel. Hier schaukeln moderne Yachten auf dem Wasser, und die ufernahen Häuser haben alle ihren eigenen Bootssteg.

Die Harle bei Harlesiel

Die Harle bei Harlesiel

Der Hafen von Harlesiel wurde 1953 angelegt, zusammen mit einem neuen Deich und einem neuen Schöpfwerk – der rote Backsteinbau ist sehr imposant. Vom Außenhafen aus fährt die Fähre nach Wangerooge ab. Und sogar einen kleinen Flugplatz gibt es.

Mein Haus, mein Boot...

Mein Haus, mein Boot…

Lesetipp

Der Spaziergang von Carolinensiel nach Harlesiel ist eine der ´52 Eskapaden in Ostfriesland´, die Andrea Lammert in Ihrem wunderbaren, bei Dumont erschienenen Reiseführer vorstellt. Inspiration pur auf 232 Seiten!

Eskapaden in Ostfriesland

Eskapaden in Ostfriesland

Teile diesen Beitrag:

5 Kommentare

  1. „ Sagenhafte 300 Liter Tee trinkt der Durchschnittsostfriese pro Tag“
    Dat gleuf ick nich.
    Sind wohl eher im Jahr.

    BTW, wir haben da oben 2017 geheiratet und in Neuharlingersiel die Fahrt auf den Wikingerschiff mitgemacht. Einfach nur wunderbar. Köstlich, wenn der „Kaptein“ erzählt. Echtes Wikingerlatein.

    Liebe Grüße aus dem Kölner Umland!

    • Du hast natürlich Recht, Thomas! Die Zahl hat mich so beeindruckt, dass ich die Einheiten durcheinander gebracht habe. Ist aber jetzt korrigiert. Danke!

  2. Hach, wie schön ist Dein Reisebericht. Ich habe schon den frischen Wind um meine Nase gespürt und den guten Ostfriesentee auf meiner Zunge gespürt. Ich muss unbedingt wieder mal dort hin! Danke fürs Mitnehmen und die schönen Bilder.

    • Danke für dein Feedback! Ich will eigentlich auch sofort wieder los. Und zum Ostfriesentee noch eine Ostfriesentorte nehmen…

  3. Dagmar Kiehl

    Wir sind gerade wieder hier und genießen den schönen Hafen. Carolinensiel ist immer eine Reise wert

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.