Antike knallbunt: ´Bunte Götter´ in Frankfurt

Die Frankfurter Muse mit lädiertem KnieDie Frankfurter Muse mit lädiertem Knie

Die Skulpturen in den Antikengalerien der großen Museen dieser Welt sind alle marmorweiß. Für die Besucher bedeutet das die reine Konzentration auf die Form, auf die Struktur der Oberfläche und die Bearbeitung des Materials. In den allermeisten Fällen sind die Werke eindrucksvoll präsentiert vor Wänden in dunklem Blau oder Grün. Ein Besuch in diesen Galerien bedeutet für mich immer, zur Ruhe zu kommen, um die Werke zu kreisen und durch die Räume zu mäandern.

Das Liebieghaus in Frankfurt lädt in seiner aktuellen Ausstellung zu einem gedanklichen Experiment ein: Was wäre, wenn die Antike knallbunt gewesen wäre?

Spoiler: die Antike war bunt, nur ist dieses Wissen genau wie die Farbe im Laufe der Zeit verloren gegangen.

Die Rekonstruktion der sog. Kleine Herkulanerin

Die Rekonstruktion der sog. Kleinen Herkulanerin

Das Liebieghaus ist mir ans Herz gewachsen, seit ich dort das großartige Werk von William Kentridge kennenlernen durfte. Ein Universalkünstler, dessen zum Teil raumfüllende Werke 2018 eindrucksvoll in Verbindung gesetzt wurden mit den Werken der ständigen Sammlung des Hauses. Aktuell ist das Werk des Südafrikaners übrigens im nordfranzösischen Lille zu sehen, im LaM Lille, dem Museum für moderne Kunst, zeitgenössische Kunst und Art Brut. Ich bin ja versucht, einmal nachzuschauen, ob dort auch die wunderbaren Kaffeepötte zu sehen sind….

Die Farben der Antike

Könnt ihr euch vorstellen, 40 Jahre eures Berufslebens einem einzigen Thema zu widmen? Genau das hat Prof. Dr. Vinzenz Brinkmann, der Kurator der Ausstellung und zugleich Sammlungsleiter der Abteilung Antike des Liebieghauses, getan. Was mit einem Stipendium und ersten Arbeiten zu antiken Skulpturen in Griechenland begann, wurde zu einer umfassenden Forschungsarbeit zur Polychromie antiker Skulpturen. Ulrike Koch-Brinkmann, seine Frau, teilt glücklicherweise seine Passion. Sie ist Archäologin und aus ihrem Interesse an antiker Malerei wurde ein experimentelles Arbeiten an farbigen Rekonstruktionen.

Phrasikleia

Phrasikleia

Gestatten, Phrasikleia

Meist beginne ich meinen Besuch im Liebieghaus in der ägyptischen Abteilung. Die Objekte und Sarkophage werden durch die dezente Beleuchtung perfekt in Szene gesetzt. Im Moment wird der Raum durch die knallrote Statue einer jungen Frau dominiert.

 

Erst 1972 wurde die Marmorstatue aus der Erde ausgebuddelt. Das Besondere daran: die Statue eines jungen Mädchens zeigte noch deutliche Farbreste. Die waren zwar verblasst und die Farbpartikel oftmals schlicht abgefallen, aber die Rekonstruktion der Farbigkeit erwies sich als wichtiger Schritt auf dem Weg zur Deutung des Werks. Welche Farben wurden für Stoffe, Schmuck und Ornamente verwendet? Und wie so oft tragen die Attribute zur Deutung bei.

Der Sockel der Statue war schon im 18. Jahrhundert gefunden worden, so dass sie als Phrasikeia identifiziert werden konnte. Auch der Künstler war bekannt. Er stellte ein junges Mädchen dar, das noch vor seiner Hochzeit verstarb. Sie trägt ein langes Gewand, reich geschmückt. Vorder- und Rückseite der Statue sind unterschiedlich gestaltet, sozusagen die Tag- und Nachtseite. Und die Lotusblüte in der Hand sowie im Blumenkranz auf ihrem Kopf, mal geöffnet, mal geschlossen, steht für den ewigen Kreislauf von Leben und Tod. Auch handelt es sich nicht einfach um rot und gelb. Das sind zwar die dominierenden Farben, aber es gibt dunklere und hellere Partien, so dass ein Eindruck von Plastizität entsteht.

Sarkophage in der Ägyptischen Abteilung

Sarkophage in der Ägyptischen Abteilung

Ich bin nicht sicher, ob mir diese Farbigkeit antiker Statuen gefällt. Auf jeden Fall bedeutet sie einen Bruch der bisherigen Sehgewohnheiten. In einem gewissen Abstand übt die Statue durchaus eine Faszination auf mich aus, die Details sind faszinierend, aber bei der Betrachtung aus der Nähe wirkt die Farbe auf mich eher plump und aufdringlich. Vielleicht liegt das auch am Material der Rekonstruktion – an der zu perfekten Oberfläche. Erst Zuhause wurde mir klar, woran die Rekonstruktion mich erinnert: an eine Figur auf einem Karnevalswagen. Aber die müssen grell und überzeichnet sein….

Lädierte Krieger

Nicht nur Marmor wurde bemalt – auch Bronzeskulpturen waren bunt. Es gibt nur wenige erhaltene Großbronzen aus der griechischen Antike, und als Vinzenz Brinkmann und sein Team einige davon vor fast 30 Jahren untersuchen durften, stellten sie fest, dass hier neben Farbe ganz unterschiedliche Materialien wie farbiges Glas und Edelsteine genutzt wurden, um den Eindruck von Plastizität zu verstärken

 

Der sitzende Faustkämpfer hat äußerst plastisch dargestellte Wunden und das vielleicht schönste Veilchen der Kunstgeschichte. Der Eindruck von Blut wird durch die Beimischung weiterer Metalle und Farben erreicht. Es scheint sich um zwei Figuren der griechischen Mythologie zu handeln, Amykos, sitzend, und Polydeukes, neben ihm stehend. Amykos ist ein erfahrener Kämpfer, aber hier muss er sich schwer angeschlagen dem jugendlichen Polydeukes ergeben. Der hat den Kampf ohne größere Blessuren überstanden.

Imposante Bronzekrieger

Die Rekonstruktionen der beiden imposanten Figuren der Bronzen von Riace stehen sich direkt gegenüber. Die Bronzen sind ca. 440 vor Christus entstanden, wurden aber erst 1972 aus dem Meer vor Südkalabrien geborgen. Die Wissenschaft rätselte um die Identität, doch unter anderem durch die Attribute – Lanze und Doppelaxt sowie die Schilde unterschiedlicher Größe – konnte die Identität der beiden geklärt werden. Eine Fuchsfellmütze deutet auf einen Thraker hin, während die andere Figur einen korinthischen Helm trägt. Der Helm ziert den Kopf von König Erechtheus, der Fuchs den von Eumopos, Sohn des Poseidon.

 

Helden im Strumpfhosen

Paris ist die Hauptstadt der Mode und eine Ikone der modernen Polychromieforschung ist Paris. Die Rekonstruktion stellt einen knienden Bogenschützen aus dem Volk der Skythen dar, ein gefürchtetes Reitervolk, das gut mit Pfeil und Bogen umzugehen wusste. Die Originalstatue des Bogenschützen ist auf das Jahr 480 vor Christus datiert und war Teil der Giebelskulptur des Aphaia-Tempels.

Auch eine Modeikone: Paris

Auch eine Modeikone: Paris

Kann man solch einen knallbunten Krieger ernstnehmen? Eine bunte Strumpfhose mit Rautenmuster, eine andersfarbige Weste mit wilden Tieren, auf dem Kopf eine Mütze mit einer Art Ohrenklappen. Üppige Bordüren und sogar Goldverzierungen. Immerhin, dieser jugendliche Held entführte Königstochter Helena…

Antike Modetrends

Die sog. Kleine Herkulanerin liebt es bunt: ein zartrosa und körperbetontes Kleid, darüber ein lindgrüner Überwurf. Feiner, gesäumter Stoff, der einige Falten wirft. Und schöne Füße.

 

In einigen Bereichen der Ausstellung fühlt man sich an serielle Kunstproduktion der Pop Art erinnert, nämlich da, wo verschiedene Farbvarianten einer Statue gezeigt werden. All das ist Teil eines Forschungsprojekts, nämlich des ´Liebieghaus Polychromy Research Project´, an dem internationale Forscher verschiedener Fachgebiete beteiligt sind.

 

Wie wird die Forschung betrieben? Es beginnt mit einem einfachen Blick durch das Mikroskop, führt über die Betrachtung unter UV-Licht, Infrarotlumineszenz bis hin zur Röntgenfluoreszenzanalyse und zur Absorptionsspektroskopie.

 

Farbe war in der Antike teuer und es gab einen weltweiten Handel mit Farben. Wenn also ein Objekt sehr farbig war, dann stand das auch für einen hohen materiellen Wert. Heute ist Farbe billig, nicht nur dank der chemischen Industrie rund um Frankfurt, und man kann natürliche Farben auf chemischen Weg imitieren.

Das Forscherteam analysiert Pigmente und Farbstoffe der antiken Statuen. Für die Rekonstruktionen werden keine künstlichen Farben verwendet, sondern nur natürlich Pigmente. Für diese Farben gibt es heutzutage keinen Markt mehr, sondern nur noch einen einzigen Händler im bayerischen Eichstätt. Trial and Error mit Ägyptisch Blau, Gelb, Eisenoxidrot und Co.

Die Heilige Barbara

Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich aus dem katholischen Köln stamme, dass mir diese Skulptur ausgesprochen gut gefällt. Meine Pfarrgemeinde war früher St. Barbara – dort fanden zur Grundschulzeit unsere Schulgottesdienste statt und dort bin ich zur Kommunion gegangen. Zur Firmung dann schon nicht mehr, aber ich war noch lange Jahre treuer Leser der Pfarrbibliothek. Und nun habe ich im Liebieghaus eine besonders schöne Darstellung der Hl. Barbara gefunden. Vielleicht hat mir aber auch einfach das intensive Blau gut gefallen.

Die Hl. Barbara

Die Hl. Barbara

Die Büste der Heiligen Barbara wurde um 1490 aus Lindenholz gefertigt. Den Menschen der Renaissance war die farbenfrohe Darstellung bestens vertraut – das änderte sich erst später. Die Farbrekonstruktion stammt aus dem Jahr 2013 / 2014.

Habt ihr auch Werke, denen ihr bei jedem Besuch im Museum einen Besuch abstattet? Bei mir sind es die Kirchenväter – die Heiligen Ambrosius, Gregor, Hieronymus und Augustinus. Die Darstellung ist aus dem prallen Leben gegriffen… Und schauen sie nicht ein bisschen genervt aus ob der vielen Farbe um sie herum?

Die Kirchenväter

Die Kirchenväter

Prachtvolle Farben und viel Drama

Zum Abschluss des Rundgangs geht es noch kurz in den oberen Stock – mit viel Drama der Ölbergszene und prachtvollen Farben der Maria Immaculata. Es ist immer wieder toll zu sehen, wie beeindruckend die Werke vom Team des Museums ins rechte Licht gerückt werden. Und ich bin ziemlich überwältigt von diesem Gang durch´s Liebieghaus… Ich komme bestimmt bald wieder.

 

Golden Edition

Die bunten Götter touren schon seit 2003 durch die Welt. Sie waren in Athen, Istanbul, London und Mexico City zu sehen, 2008 auch in Frankfurt und haben Millionen Besucher weltweit erreicht. Im Liebieghaus ist nun die ´Golden Edition´ zu sehen, das heißt eine erweiterte Ausstellung mit 100 Objekten und 60 Rekonstruktionen.

Falls ihr Lust bekommen habt auf die bunten Götter, dann schaut doch einmal auf der Website des Liebieghauses vorbei! Dort findet ihr auch ein Digitorial, bei dem ihr nicht nur viel lernen könnt, sondern das auch spannende Vorher / Nachher-Ansichten der antiken Statuen ermöglicht. Die Ausstellung ist noch bis zum 17. Januar 2021 in Frankfurt zu sehen. Und nicht nur das Museum ist einen Besuch wert, auch das Café im Liebieghaus wird euch gefallen. Ein lauschiges Plätzchen im Grünen mit selbstgemachtem Kuchen, kleinen Speisen und Limonaden.

 

Offenlegung

Die Presseabteilung des Liebieghauses hatte zu einem Community Event eingeladen, und ich durfte an einer exklusiven Kuratorenführung teilnehmen. Natürlich alles unter strenger Einhaltung der Corona-Regeln. Und ja, ein Museumsbesuch mit Maske ist möglich! Vor allem mit einer schicken Masken in den Farben der Ausstellung… Ich danke für viele spannende Einblicke in die Welt der knallbunten Antike sowie für Speis´ und Trank! Die Eindrücke sind natürlich meine eigenen.

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