Casablanca – Ich schau dir in die Augen, Kleines!

Die Moschee Hassan II, CasablancaDie Moschee Hassan II, Casablanca

Ricks ´Café Américain´ in Casablanca – 1942, mitten im Zweiten Weltkrieg, Treffpunkt von Menschen aus Europa, die vor den düsteren Zeiten des Nationalsozialismus über Französisch-Nordafrika nach Amerika zu fliehen versuchen. ´Casablanca´ ist ein Melodram, eine Geschichte um Patriotismus und Widerstand, Korruption und Versöhnung. Humphrey Bogart spielt den Rick, der hier Ilsa, dargestellt von Ingrid Bergman, wiedertrifft, mit der er vor Jahren in Paris eine Affäre hatte. Inzwischen ist sie jedoch mit dem Widerstandskämpfer Victor Lazlo verheiratet. Die Umstände sind alles andere als günstig und es ist nicht der Moment, alte Gefühle aufleben zu lassen. Wie herzzerreißend, die Szene auf dem Flugfeld! „As time goes by“, das ist der Soundtrack zum Film. Für beide Schauspieler bedeutetet ´Casablanca´ der Beginn einer Weltkarriere.

 

Das heutige Casablanca hat mit Filmromantik gar nichts gemein. Casablanca ist das wirtschaftliche Herz Marokkos, eine pulsierende Metropole – und unheimlich anstrengend. Zwar ist man schnell in nur dreieinhalb Flugstunden dort, aber die Stadt ist laut, schmutzig und chaotisch. Sie scheint in alle Richtungen zu wachsen und lebt von ihren extremen Gegensätzen. Auf der einen Seite gibt es reiche Stadtviertel wie Anfa mit wunderschönen Villen und blühenden Gärten, vor deren Toren Wachpersonal sitzt, auf der anderen Seite Slums, in denen man eine unfassbare Armut sieht.

Das wirtschaftliche Zentrum

Das wirtschaftliche Zentrum

Der Verkehr ist chaotisch und wird immer dichter, je näher man dem Zentrum kommt. Wenn man mit dem Auto aus einem der weiter entfernten Stadtviertel kommt, dann ist man schon mal 45 Minuten oder gar eine Stunde unterwegs. Dafür ist Taxifahren spottbillig, zumindest aus europäischer Sicht, und das Fahren in Linienbussen, in denen man unter seinen Füßen die Straße sieht, hat auch seinen Reiz.

 

Auf den Straßen gilt das Recht des Stärkeren. Haben die Straßen drei Spuren in eine Richtung, so kann man davon ausgehen, dass mindestens fünf Autos hier nebeneinander fahren. Die Hupe ist mit Abstand das wichtige Bauteil des Autos, und die Bremsen werden nur sporadisch eingesetzt. Dazwischen sind gerne mit ganzen Familien beladene Mopeds sowie Fahrräder, Pferde und Esel unterwegs. Als Fußgänger braucht man viel Gottvertrauen, um eine Straße zu überqueren. Nichts für schwache Nerven!

Die Moschee Hassan II

Die Moschee Hassan II

Die Moschee Hassan II

Das Bild, das man vielleicht am ehesten mit Casablanca verbindet, ist das der Moschee Hassan II am Boulevard de la Corniche. Sie wurde anlässlich des 60. Geburtstages des damaligen marokkanischen Königs Hassan II erbaut und 1993 eingeweiht. Damals war das Minarett mit 200 Metern das höchste der Welt.

 

Sechs Jahre betrug die Bauzeit der Moschee und jede marokkanische Familie musste einen finanziellen Beitrag leisten. 2.500 Arbeiter und 10.000 Handwerker waren auf der Baustelle beschäftigt, und obwohl zahlreiche Arbeitsunfälle zu beklagen waren, haben sie tatsächlich Prächtiges geschaffen. Die Gebetshalle ist 20.000 Quadratmeter groß und bietet 25.000 Menschen Platz. Kleine technische Spielerei: Das Dach der Moschee läßt sich hydraulisch öffnen. Was mich besonders freut: auch als Nicht-Muslim darf man die Mosche im Rahmen einer Führung betreten. Es lohnt sich!

 

Sehr alt ist die Moschee noch nicht, aber dennoch haben die Zeit und das feuchte Klima ihre Spuren hinterlassen: einige der Mosaike müssen mittlerweile mit Netzen geschützt werden.

 

Phantastisch ist die Lage der Moschee Hassan II: sie ist direkt am Atlantik gebaut, zum Teil sogar auf dem Wasser. Eine Promenade führt von der Moschee aus in ein ganz anderes Casablanca.

 

Einige Schritte, und man fühlt sich von tiefer Religiosität in die Moderne katapultiert.

Casablanca, ganz modern

Casablanca, ganz modern

Casablanca Marina

Casablanca kann auch ganz anders, nämlich ultramodern. Casablanca Marina ist ein ganz neues Stadtviertel, das zwischem dem Hafen und der großen Moschee innerhalb kürzester Zeit aus dem Boden gestampft wurde. Ich habe das Gefühl, dass mit diesem ehrgeizigen Bauprojekt der Anschluss an europäischen Städtebau erreicht werden soll. Die Architektur ist äußerst modern; das Gelände 12 Hektar groß. Zahlreiche Firmen, Supermärkte und Hotels haben sich hier angesiedelt, allerdings wirkt das alles noch ein wenig blutleer und man sieht recht wenig Menschen auf den prächtigen Boulevards. Es scheint, Casablanca möchte attraktiver für Kreuzfahrttouristen werden.

 

Nicht weit von Casablanca Marina, auf dem Weg in Richtung Hafen, findet man Ecken, die ganz viel traditionellen Charme zeigen. Die Gegensätze zeigen sich an jeder Straßenecke.

 

Palmen und Minarette

Palmen und Minarette

 

In den Straßen von Casablanca

Das Zentrum von Casablanca lässt sich gut zu Fuß erkunden. Der ´Place des Nations Unies´, der Platz der vereinten Nationen, ist der zentrale Platz der Stadt und man gelangt in nur wenigen Schritten zum Verkehrsknotenpunkt der Stadt. Mittlerweile fährt hier sogar eine Straßenbahn.

Das ´Café de France´ ist der perfekte Standort, um das Treiben auf der Straße zu beobachten. Man blickt auf den Eingang zur alten Medina, die aber bei Weitem nicht so charmant ist wie die von Fès oder Marrakech. Dafür sieht man hier auch kaum Touristen. Das ganze Viertel rund um die alte Medina ist mittlerweile weitgehend in schwarzafrikanischer Hand. Jeder sucht hier sein Stück vom Glück. Wenige Schritte von der alten Medina entfernt findet man Streetart vom Feinsten.

 

Diese Graffiti finden sich nah an der Moschee Hassan II. Sinn und Zweck des Baus haben sich mir nicht erschlossen, aber es ist von allen vier Seiten künstlerisch gestaltet. Kunst als Selbstzweck.

 

Koloniales Erbe

Im Zentrum von Casablanca kann man das Vermächtnis der Zeit des französischen Protektorats erahnen. Die kleine Fußgängerzone hat viel Charme, auch wenn der Putz überall bröckelt, und das Goethe-Institut liegt direkt um die Ecke. Es gibt einige wunderschöne Art Déco-Gebäude, die jedoch zum großen Teil in einem beklagenswerten Zustand sind. Die Luftverschmutzung führt dazu, dass die Häuser kaum noch als weiß zu bezeichnen sind, wie es der Name der Stadt eigentlich nahelegt.

Das Syndicat d´Initiative et du Tourisme, am Boulevard Mohamed V

Das Syndicat d´Initiative et du Tourisme, am Boulevard Mohamed V

Le tram

Le tram

Was für mich zu jedem Besuch in Casablanca dazugehört: eine Tour über den ´Marché Central´, die zentralen Markthallen von Casablanca. Mittlerweile hält die Straßenbahn direkt vor dem Eingang. In der Markthalle kann man einkaufen – zum Beispiel Pferdefleisch oder lebende Schildkröten -, eine Kleinigkeit essen oder auch Devotionalien aus längst vergangenen Zeiten erstehen.

Le Marché Central

Le Marché Central

Eine erste Runde kann man außen um die Markthalle drehen – hier finden sich viele Obst- und Gemüsehändler, aber auch kleine Restaurants und Imbissbuden. Ein besonderer Hingucker sind die selbstgestalteten Ladenschilder. Im Innenbereich finden sich dann die Waren, die nicht unbedingt der Sonneneinstrahlung ausgesetzt sein sollten, sondern es gerne ein bisschen kühler haben.

 

 

In der Fischhalle des Marché Central

In der Fischhalle des Marché Central

Fondation Abderrahman Slaoui

Auch ein Museum gibt es in Casablanca, und was für ein Juwel! Das ´Musée Fondation Abderrahman Slaoui´ hält das Andenken an einen Geschäftsmann und Industriellen wach, der zugleich ein großer Sammler war. Geboren wurde Abderrahman Slaoui 1919 in Fès; er verstarb 2001. Zeit seines Lebens versuchte er, die Erinnerung an die arabisch-andalusische Atmosphäre des Hauses seiner Kindheit zu finden.

Die Fondation Abderrahman Slaoui

Die Fondation Abderrahman Slaoui

Die Suche nach dem Schönen kann heute jeder in dem Museum antreten, das 2012 eröffnet wurde. Slaoui war Reisender, Ästhet und Humanist, und er hatte offenbar ein großes Talent, Schätze ausfindig zu machen. Zu sehen sind Schmuck und Keramik, Glasobjekte, aber auch eine Sammlung alter Plakate.

 

Die Sammlung alter Werbeplakate ist sehr aufschlussreich, weil hier ein Bild der arabischen Länder gezeichnet wird, das man heute vermutlich als rassistisch und sexistisch bezeichnen würde. Damals ging es sicherlich nur darum, bei Europäern die Sehnsucht nach dem Unbekannten und Exotischen zu wecken.

 

Ein besonderes Highlight war für mich die Ausstellung ´Orient Fantasmé´, die alte Plakate aus den Jahren 1930 bis 1960 der Sammlung des Museum den Werken zeitgenössischer Künstlerinnen wie Héla Ammar, Meriem Bouderbala, Yasmina Bouziane und Lalla Essaydi gegenüberstellt. Die koloniale Epoche und zeitgenössisches Schaffen treten in einen faszinierenden Dialog ein.

La bella Fatma & die Grande Odalisque

La bella Fatma & die Grande Odalisque

Welten und gefühlt Jahrhunderte liegen zwischen diesen beiden Darstellungen, oder? Links die schöne Fatma, die für die Folies Bergère wirbt und damit ein schönes Beispiel für die Konstruktion des Orients durch den Okzitent darstellt, und rechts die ´Grande Odalisque´ von Lalla Essaydi. Kennt ihr das gleichnamige klassizistische Gemälde von Ingres, das heute im Louvre zu sehen ist und auf das die Künstlerin Bezug nimmt? Lalla Essaydi ist eine in Marokko geborene Künstlerin und Fotografin, die für ihre Werke arabische Frauen in Szene setzt. Sie nutzt dafür die Kunst der Kalligraphie, also die Kunst des Schönschreibens, die ursprünglich nur Männern vorbehalten war. ´les Femmes du Maroc´, die ´Frauen Marokkos´ – so lautet der Titel der Reihe. Absolut faszinierend!

 

Falls euch die Fotos neugierig gemacht haben – hier geht es zur Website des Museums. Aber nun erst einmal eine kleine Kaffeepause im oberen Stockwerk des Museums oder auf der Dachterrasse…

Auf der Dachterrasse der Fondation

Auf der Dachterrasse der Fondation

Die Tage in Casablanca sind anstrengend, aber man findet garantiert ein Eckchen, an dem man den Tag mit Blick auf die Wellen des Atlantik ausklingen lassen kann….

Die Moschee Hassan II im Dunst

Die Moschee Hassan II im Dunst

Lesetipp: wer sich ein klein wenig mit der politischen Lage in Marokko und auch dem Wandel im Land auseinandersetzen will, dem sei das Buch ´Tazmamart Cellule 10´ von Ahmed Marzouki ans Herz gelegt. Die Existenz dieses Gefängnisses in der marokkanischen Wüste wurde lange geleugnet. 58 Offiziere und Unteroffiziere wurden hier unter unmenschlichen Bedingungen festgehalten, weil man sie beschuldigte, an zwei Staatsstreichen gegen Hassan II beteiligt gewesen zu sein. Der Autor war einer der Überlebenden, der nach 18 Jahren Gefangenschaft wieder in Freiheit kam. Ein ergreifendes Zeitzeugnis.

Tazmamart, Cellule 10

Tazmamart, Cellule 10

Das Buch wurde im Jahr 2000 veröffentlicht. Hassan II war 1999 verstorben und sein Sohn Mohamed VI leitete nach seiner Thronbesteigung die Modernisierung des Landes ein. Wir entdeckten das Buch auf einer großen Palette in einem Buchladen im Zentrum von Casablanca und kauften natürlich sofort ein Exemplar. Am nächsten Tag war die Palette verschwunden – alle Exemplare wareninnerhalb kürzester Zeit verkauft, wie der Buchhändler uns berichtete.

 

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