Potsdam stand schon ewig lang auf meiner Bucket List. Jedes Mal, wenn ich wegen der Arbeit nach Berlin fuhr, kam mir der Gedanke, dass ich unbedingt auch einmal Potsdam einen Besuch abstatten sollte. Als Wessi kenne ich immer noch viel zu wenig von Ostdeutschland, und schon Leipzig, Rostock und vor allem Stralsund haben es mir angetan. Jetzt endlich ist der Moment gekommen – zwischen Medientournee, Barcamp, IMM und ITB, getreu dem Motto: gönn dir eine Auszeit vor allem dann, wenn du extrem viel zu tun hast.
Was soll ich sagen: das Timing hätte nicht besser sein können: 24 Stunden in Potsdam, genau am ersten Wochenende, an dem die Sonne sich nach einem langen und kalten Winter zeigt und man eine Ahnung von Frühling bekommt. Und die brandenburgische Hauptstadt zeigt sich von ihrer allerbesten Seite. Sie offenbart den ganzen Charme einer kleinen Stadt, die das genaue Gegenteil des Molochs Berlin ist. Dort gibt es zwar unglaublich viel zu sehen und zu erleben – spannende Museen, Orte der Erinnerung und nicht zuletzt die sensationellen Königsberger Klopse von Tim Raue auf dem Fernsehturm, aber die Wege können auch sehr lang werden. Also: auf nach Potsdam!
Der Klassiker in Potsdam – Schloss und Park Sanssouci
Potsdam, das ist Schloss Sanssouci. Im Auftrag Friedrichs des Großen wurde das Schloss als Sommerresidenz der preußischen Könige zwischen 1745 und 1747 erbaut. Es ist überraschend klein, das preußische Versailles, und wirkt fast unscheinbar mit seiner Lage über den terrassenförmig angelegten Weinreben.
Schloss Sanssouci war als persönlicher Rückzugsort für den preußischen König gedacht, weit weg von höfischen Zwängen und politischen Verpflichtungen. Hier war der Ort des Austauschs mit Philosophen, Künstlern und Gelehrten – das geistige Zentrum der Aufklärung. Seit 1990 zählt das Rokoko-Schloss zusammen mit dem Park zum UNESCO-Welterbe. Auch wenn das Schloss eine der meistbesuchten Sehenswürdigkeiten Deutschlands ist – mir ist das Wetter zu schön und ich schaue mich im Park um.
Park Sanssouci ist groß – so groß, dass Besucher kilometerweit laufen können, um eine Kulturlandschaft zu entdecken, in der sich nicht nur verschiedene Gartentypen, sondern auch mehrere Schlösser aus unterschiedlichen Epochen befinden. So etwa das Orangerieschloss mit seiner Renaissanceinspiration oder das klassizistische Schloss Charlottenhof im Süden des Parkgeländes.
Unterhalb der Weinbergterrassen von Schloss Sanssouci befindet sich der französische Garten. Geplant als barocker Ziergarten mit Rasen, Blumen, Hecken und Bäumen, sollte er eine Verbindung zwischen Zier- und Nutzgarten sein. Einst wuchsen hier Orangen, Melonen, Pfirsiche und Bananen in Treibhäusern. Die Fontäne des französischen Rondells kam als Geschenk Ludwigs XV nach Potsdam.
Eine zwei Kilometer breite Allee führt quer durch das Parkgelände und verbindet den Obelisken am östlichen Ausgang mit dem monumentalen Neuen Palais mit seinen mehr als 200 Zimmern. Daneben gibt es andere, gewundene Wege. Sobald man den Kopf wendet, entdeckt man etwas neues. Ein chinesisches Haus zeigt die ganze Verspieltheit des Rokoko und ich frage mich, wie die exotische Dekoration genau hier nach Potsdam kommt. Chinoiserien prägten das höfische Leben im 18. Jahrhundert und zeugen vor allem von der Vorstellung, die Europäer sich von China machten. Eine Phantasiewelt auf kleeblattförmigem Grundriss.
Auf 290 Hektar erlebe ich eine Parklandschaft, die sich noch im Winterschlaf befindet und gerade dadurch einen besonderen Zauber ausstrahlt. Strahlend blauer Himmel, noch kahle Bäume, Spiegelungen in den Wasserflächen und eine Ahnung von Frühling – was will man mehr?
Auch eine historische Mühle gehört zum Park, nach ihrer Zerstörung im Zweiten Weltkrieg in den 1990er Jahren rekonstruiert und heute als Museum betrieben.
Potsdam – Treffpunkt der Kulturen
Potsdam, das war einst Garnisonsstadt und preußische Residenzstadt. Vor allem Friedrich Wilhelm I gab der Stadt eine militärische Prägung, indem er hier seine Eliteregimenter stationierte. Breite Straßen machten Paraden möglich. Friedrich der Große schließlich wollte im 18. Jahrhundert aus Potsdam eine repräsentative Residenzstadt machen. Sie sollte Eleganz und Macht ausstrahlen.
Das Herz der Stadt ist der Alte Markt, wo vor allem die Kuppel der Nikolaikirche das Stadtbild prägt. Erbaut wurde sie von Karl Friedrich Schinkel, dem bedeutendsten preußischen Architekten des 18. Jahrhunderts. Das Innere der Kirche ist überraschend ruhig und klar.
Direkt gegenüber befindet sich das Stadtschloss. Ursprünglich war hier eine der Residenzen der preußischen Könige, doch sowohl im Zweiten Weltkrieg als auch später unter der DDR-Regierung wurde viel zerstört. Der heutige Bau ist eine Rekonstruktion mit modernem Innenleben – hier tagt der brandenburgische Landtag. Die Frage, wie man mit Geschichte umgeht, macht Potsdam unglaublich interessant. Viele historische Bauten wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört oder in der DDR abgerissen. Erst nach der Wiedervereinigung machte man sich an die Rekonstruktion. Ist das sinnvoll oder sollte man die Geschichte ruhen lassen und Neues gestalten? Das nach Potsdam unglaublich viel Geld geflossen ist, sieht man heute überall. Gerade das unmittelbare Zentrum wirkt fast zu schön, zu perfekt.
Sogar ein Brandenburger Tor gibt es in Potsdam. Es markierte einst den westlichen Stadtausgang in Richtung Brandenburg an der Havel – dahinter begann einst die Provinz – und von hier aus ist man auch ganz fix bei Schloss und Park Sanssouci. Heute ist die Brandenburger Straße mit ihren vielen Geschäften und Cafés eine der quirligsten Ecken Potsdams.
Ein starker europäischer Einfluss ist an vielen Stellen in Potsdam zu spüren. Der französische Einfluss geht auf das 17. Jahrhundert zurück, als Hugenotten hier aufgenommen wurden. Preußen zeigte sich weltoffen, als es die Religionsflüchtlinge aufnahm, holte sich aber gleichzeitig deren Knowhow ins Land.
Im Holländischen Viertel
Eines der attraktivsten Viertel in Potsdam ist ganz ohne Frage das Holländische Viertel. Ich glaube mich tatsächlich in einer niederländischen Kleinstadt wie Groningen oder Deventer als ich all die geschwungenen Giebel sehe. Das ganze Viertel ist ein gebauter Ausdruck der preußischen Toleranzpolitik gegenüber Einwanderern, die zum Ausbau der Mark Brandenburg angeworben wurden.
Das Viertel besteht aus vier Karrees mit insgesamt 150 Backsteinhäusern. Die Häuser sind prächtig anzusehen, unverputzt, mit weißen Fugen, typischen Fensterläden und geschwungenen Giebeln. Entstanden ist das Bauensemble zwischen 1734 und 1742, als der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I holländische Handwerker nach Potsdam holte.
Den Bau des Viertels leitete der niederländische Baumeister Jan Bouman, von dessen Wirken heute ein Museum erzählt. Das Jan Bouman Haus in der Mittelstraße 8 weist von allen Häusern des Viertels den größten Bestand an originaler Bausubstanz um 1735 auf. Es gibt das Vorderhaus, einen Hof, Fachwerk und einen Hausgarten.
Zum Ende der DDR-Zeit war das Holländische Viertel in einem beklagenswerten Zustand, doch die Wende machte eine Sanierung möglich. Heute erlebe ich ein herausgeputztes Viertel mit individuellen Boutiquen sowie gemütlichen Cafés und Restaurants. Nur die auf der Straße geparkten Autos stören die Atmosphäre. Die Sonne lockt die Menschen auf die Straße. Bei all den charmanten Adressen habe ich die Qual der Wahl, wo ich eine Kaffeepause einlege. Der Zufall führt mich in ein kleines Café, das zugleich Kunstgalerie ist. Der Besitzer hat die Ruhe weg und nimmt sich für jedes Heißgetränk die notwendige Zeit. Und hier gibt es den besten Käsekuchen, den ich je gegessen habe, unglaublich cremig und mit einer angenehm frischen Säure.
Die Russische Kolonie Alexandrowka
Etwas weiter im Norden, aber dennoch von der Innenstadt fußläufig zu erreichen, kann man ein echtes Kuriosum entdecken. Die Russische Kolonie Alexandrowka wurde zwischen 1826 und 1827 auf Wunsch von Friedrich Wilhelm III angelegt, der damit seines verstorbenen Freundes Zar Alexander I gedenken wollte. Die Kolonie war Heimat für russische Sängersoldaten, die nach der Rückkehr aus dem Krieg als Geschenk am Hof des preußischen Königs blieben. Eine gruselige Vorstellung, aber heute ein Glück für Potsdam.
Ich habe das Gefühl auf dem Land zu sein, in einer fernen Vergangenheit. 14 Holzhäuser gehören zur Kolonie. Ein Haus war Mitte des 19. Jahrhunderts abgebrannt, wurde aber originalgetreu wieder aufgebaut. Die Holzhäuser wurden als preußische Interpretation einer Zeichnung des italienisch-russischen Architekten Carlo Rossi erbaut. Blockhäuser mit Fachwerkelementen und halbrunden Holzstämmen, dazu aufwändige Verzierungen und Schnitzereien. Die Häuser sind heute in alle in Privatbesitz und fast irritierend wirken die Autos vor manchen Haustüren.
Die Häuser stehen weit auseinander und jedes verfügt über ein Grundstück von einem halben oder dreiviertel Hektar Größe. Die von Peter Joseph Lenné entworfene Gartenanlage hat die Form eines Hippodroms mit eingelegtem Andreaskreuz. Sie sollte den Sängersoldaten eine besondere Atmosphäre für Musik und Muße bieten. Zugleich waren die Gärten Wirtschaftsgut. Hunderte von Obstsorten sollten die neue Landwirtschaftspolitik von Friedrich Wilhelm III verdeutlichen.
Von der Blütenpracht ist jetzt, Ende Februar, natürlich nichts zu sehen. Rund 600 Obstsorten hat die Stadt Potsdam gesammelt und hier gepflanzt. Sie decken eine Zeitspanne vom 13. bis zum Ende des 19. Jahrhunderts ab.
Eins der Häuser beherbergt ein kleines Museum, das die kargen Lebensverhältnisse verdeutlicht und die verwandtschaftlichen Verhältnisse zwischen den preußischen und russischen Herrscherhäusern aufzeigt. Ein weiteres Haus beherbergt einen kleinen Teesalon und Restaurant.
Potsdam – Stadt am Wasser
Potsdam ist auch durch unglaublich viel Wasser geprägt. Ob eine Bootstour auf der Havel oder den Havelseen, eine Radtour auf dem Havel-Radweg oder ein Spaziergang am Ufer von Griebnitzsee, Tiefem See oder Jungfernsee – hier zeigt sich eine unglaubliche Lebensqualität. Mehr als 20 Quadratkilometer Gewässer gehören zu Potsdam.
Von der Kolonie Alexandrowka ist der Fußweg zum Heiligen See nicht weit. Der Neue Garten liegt noch im Winterschlaf, aber zahlreiche Spaziergänger genießen schon die Sonne. Ein paar Schlösser sind hier natürlich auch zu finden, vor allem aber ein schöner Blick über das Wasser.
Kunsthighlight in Potsdam: das Museum Barberini
Kein Citytrip ohne Museumsbesuch, und in Potsdam habe ich das große Glück, dass gerade am Wochenende meines Besuchs eine neue Sonderausstellung eröffnet wird: ´Avantgarde. Max Liebermann und der Impressionismus in Deutschland´.
Das Museum Barberini liegt zentral am Alten Markt in Potsdam, in einem rekonstruierten klassizistisch-barocken Palast. Vorbild und Namensgeber ist der Palazzo Barberini in Rom. Der Potsdamer Palast stammte aus dem Jahr 1770 und war bei einem Luftangriff kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs zerstört worden. Die Trümmer wurden abgetragen und das Grundstück lag brach, bis der Mäzen und Software-Unternehmer Hasso Plattner, Mitbegründer von SAP, den Wiederaufbau des Palastes anging. Der erste Spatenstich fand 2013 statt und 2017 wurde Eröffnung gefeiert.
Seit 2020 ist die Sammlung Hasso Plattner im Museum Barberini zu sehen – 115 Arbeiten des französischen Impressionismus und Post-Impressionismus der Sammlung des Museumsgründers. Sagenhafte 40 Gemälde von Claude Monet bilden die größte Sammlung des Künstlers außerhalb von Paris. Daneben geben sich Gustave Caillebotte, Pierre-Auguste Renoir, Paul Signac, Alfred Sisley, Maurice de Vlaminck, Berthe Morisot und Camille Pissarro die Ehre. Zu sehen sind die Werke in 17 Sälen auf drei Etagen und einer Gesamtfläche von 2.200 Quadratmetern.
Max Liebermann stieß mit seiner impressionistischen Malerei die erste Avantgardebewegung in Deutschland an. Liebermann war Sammlung und Vermittler französischer Impressionisten. Als Präsident der Berliner Secession gab er der Kunstwelt im national geprägten Kaiserreich Internationalität. Der Blick nach Frankreich spielte eine bedeutende Rolle. Zahlreiche Malerinnen und Maler ließen sich zu pulsierenden Stadtansichten und Momentaufnahmen des Lebens inspirieren.
Die Liebermann-Schau war vorher im Museum Frieder Burda in Baden-Baden zu sehen, die Besonderheit in Potsdam ist jedoch, dass die Werke mit denen der Plattner-Sammlung gemischt werden. Dadurch werden die Besucherströme deutlich entzerrt. Mein Tipp: Besucht das Museum gleich zur morgendlichen Öffnung und geht dann sofort in den ersten Stock. Ihr werdet die wunderbaren Gartenbilder vom Wannsee ganz für euch alleine haben.
Ganz großartig sind übrigens auch die Museumswächter, die mit viel Leidenschaft für die Kunst die Werke und das Konzept des Museums erläutern. Ich nehme mir für meinen nächsten Berlin-Besuch einen Abstecher zur Liebermann-Villa am Wannsee vor.
Neugierig geworden?
Falls du mehr wissen willst über die brandenburgische Hauptstadt, dann schau doch mal auf der Website von Potsdam Tourismus vorbei. Für Filmfans ist sicher Babelsberg ein lohnendes Ziel – im ältesten Filmstudio der Welt entstand zum Beispiel der Klassier Metropolis von Fritz Lang und Szenen aus Der Blaue Engel wurden hier gedreht. Wer den Radius weiter schlagen will, ist beim Reiseland Brandenburg gut aufgehoben. Von Berlin aus ist Potsdam in einer knappen halben Stunde mit einem Regionalexpress zu erreichen; mit der S-Bahn dauert die Fahrt etwas länger.
Potsdam - prachtvoll herausgeputzt 























Wir waren vor Jahren auch mal hier und wir hatten es sehr schön gefunden. Schön um es hier mal zu lesen und die Bilder zu sehen. Danke schön fur deinen Reportage.