Ein Bild hat sich mir in Oslo eingeprägt: die Möwen, die zunächst ruhig ihre Bahnen über dem tiefblauen Fjord ziehen und dann plötzlich ins Wasser schießen, um mit einem Seestern im Schnabel wieder aufzutauchen. Den Seestern platzieren sie dann auf der von der Sonne gewärmten Fläche am Opernhaus, ohne sich auch nur im geringsten an den zahlreichen Zuschauern zu stören. Seesterne sind auf sauberes Wasser als Lebensraum angewiesen, so dass es ein gutes Zeichen ist, sie hier, im absoluten Zentrum von Oslo, zu finden.
Und was für ein Panorama haben die Möwen sich für ihre Darbietung ausgesucht! Das Opernhaus von Oslo hatte mich schon lange gereizt. Als ich ein Foto davon sah, war mir klar, dass ich einmal nach Oslo fahren muss, um es mir aus der Nähe anzusehen. Aber auch das neue Munch-Museum, nur wenige Schritte entfernt, bietet aufregende Architektur und spannende Exponate. Und dann gibt es noch die Deichman-Bibliothek zur anderen Seite der Oper. Bibliotheken als Orte der Begegnung – davon verstehen die Skandinavier unglaublich viel.
Drei architektonische Highlights und daneben das ganz normale Leben am Wasser. Im Fjord kann man baden; es gibt Badestellen und kleine schwimmende Saunen, die fest verankert sind, aber auch für eine kleine Bootstour genutzt werden können. Und dann gibt es noch große Ausflugsboote, für eine Exkursion in den Oslo-Fjord.
Architekturhighlight: Die Oper von Oslo
Architektur, die nicht nur mit der Stadtlandschaft verschmolzen ist, sondern vielmehr Kultur mitten im prallen Leben der Großstadt inszeniert – die norwegische Oper in Oslo ist ein schlicht phantastisches Bauwerk. Ich kann mein Glück kaum fassen, als ich endlich davorstehe, und den Bau auf mich wirken lassen kann!
Erste Pläne für ein neues Opernhaus wurden 1998 veröffentlicht. Es gab im Vorfeld einige Diskussionen, wo die Oper angesiedelt werden soll, und letztendlich fiel die Wahl auf einen Standort ganz nah beim Hauptbahnhof im Stadtviertel Bjørvika, das komplett auf links gedreht wurde und noch immer wird. Der erste Spatenstich erfolgte 2003, die Grundsteinlegung ein Jahr später und die Fertigstellung war 2008 – fünf Monate früher als geplant, weil die Bauarbeiten so zügig vorangegangen waren. Unfassbar.
Verantwortlich für den Entwurf des Opernhauses ist das norwegische Architekturbüro Snøhetta, übersetzt Schneekappe. Dessen Architektur war ich schon in Ordrupgaard bei Kopenhagen begegnet. War dort die Architektur weitgehend unter die Erde verlegt, so gleicht die Osloer Oper eher einem treibenden Eisberg. Natur mitten in der Stadt. Die Dimensionen sprechen für sich: 100 Meter Breite, 207 Meter Länge und mehr als 1.100 Räume sowie drei Spielflächen im Innenbereich. Und auch der Außenbereich ist eine einzige große Spielfläche – für alle Besucher und Bewohner Oslos, gerade auch solche, die ansonsten mit Oper so rein gar nichts am Hut haben.
Der Oper darf man auf´s Dach steigen! So, wie die Natur in Norwegen für jedermann zugänglich ist, so kann man sich auch hier nach Herzenslust auf, um und in der Oper bewegen. Und die Aussicht auf Oslo und die moderne Architektur ringsum und den Oslo-Fjord ist absolut umwerfend! Snøhetta hat das Opernhaus wie eine Fabrik geplant, als funktionalen Bau, der alle Anforderungen an moderne Produktionen erfüllt. Eine Wellenwand repräsentiert die Schwelle zwischen Land und Wasser sowie Kunst und Alltag. Und die große gläserne Fassade lässt viel Licht herein und spiegelt die Umgebung wider.
Das hervorstechendste Element ist der Marmorteppich, der über dem ganzen Bau liegt und zum Verweilen und Flanieren einlädt. Der Marmor stammt aus Carrara, während alle Flächen, die mit Wasser in Berührung kommen, aus norwegischem Granit gestaltet sind. Der Marmor ist nicht ganz eben; es gibt immer wieder kleine Stufen. Und mit dem sich ändernden Lichteinfall ändert sich auch das Erscheinungsbild.
Der Bau ist offen gestaltet und man kann in die Werkstätten der Oper hineinschauen. An der Seite ist eine große Caféterrasse – ein perfekter Treffpunkt, um den Tag ausklingen zu lassen.
Die Türen zum Opernhaus stehen offen und man kann den großzügig mit viel Holz gestalteten Eingangsbereich sehen oder im Shop eine Kleinigkeit kaufen. Bei der Gestaltung arbeiteten die Architekten von Snøhetta mit Künstlern wie Olafur Eliasson, dem dänischen Künstler isländischer Herkunft, zusammen, der eine perforierte Innenraumverkleidung mit changierendem Licht beisteuerte. Eliasson war ich schon in Aarhus begegnet, wo er mit dem Werk Your rainbow panorama auf dem Dach des ARoS Kunstmuseum die ganze Umgebung in Farbe tauchte. Die Osloer Oper hat es sich zum Ziel gemacht, nicht nur eine Elite anzusprechen, sondern für die breite Öffentlichkeit offen zu stehen. Das Programm des Hauses kann hier abgerufen werden.
Mein Fazit: Architektur, die Spaß macht. Und es macht Spaß, größere Kreise um das Gebäude zu ziehen und den Blick auch von der gegenüberliegenden Seite und aus ganz unterschiedlichen Perspektiven zu genießen. Im Vordergrund die Saunakabinen mit dem kräftigen Holzgeruch, ein paar Schwimmer im Wasser und dann das Opernhaus als Hintergrundpanorama.
Kunsthighlight: Im neuen Munch-Museum
Unmittelbarer Nachbar der Oper im Bjørvika-Viertel ist das neue Munch-Museum, kurz Munch genannt. 2008 wurde der Architekturwettbewerb ausgeschrieben, den ein Jahr später das spanische Architekturbüro Herreros Arquitectos gewann. Nach politischen Streitigkeiten wurde das Projekt zunächst auf Eis gelegt, dann wieder aufgenommen und 2021 konnte schließlich die Eröffnung gefeiert werden. Der verantwortliche Architekt Jens Richter ließ sich in seinem Entwurf vom griechischen Buchstaben Lambda inspirieren. Was auch immer der Künstler uns damit sagen will – auf mich wirkt der Bau, von der Seite betrachtet, wie ein viel zu dickes, zerlesenes Buch.
Die Architektur ist extrem spannend: verwendet wurden recyclierbarer Beton und wellenförmige Platten aus recyceltem Aluminium. Die weisen unterschiedliche Transparenzgrade auf, mit dem Ergebnis, dass das Sonnenlicht abhält und reflektiert, um so die Innentemperatur konstant zu halten. Im Ergebnis bedeutet dies 50 % weniger Emissionen als vergleichbare Gebäude.
Was ist im Munch zu sehen? Edvard Munch hinterließ der Stadt Oslo ein umfassendes Werk, bestehend aus 1.100 Gemälden, 15.500 Grafiken, 4.700 Zeichnungen und sechs Skulpturen. Dazu kommen Druckplatten, Bücher, Notizbücher, Fotos, Werkzeuge und sogar Möbel. Munchs Briefsammlung wurde dem Museum später von seiner Schwester vermacht. Allerbeste Voraussetzungen für Munch-Forscher in aller Welt, in Oslo ihr Glück zu finden. Der Vorgängerbau wurde 1963 eröffnet.
13 Etagen hoch ist das Munch, und die Empfehlung lautet, zunächst ganz nach oben zu fahren, um von diesem höchsten Punkt der Stadt den Blick über den Oslo-Fjord zu genießen. Nervenkitzel pur, denn durch die Neigung der oberen Etagen hat man das Nichts unter sich, wenn man ganz nah an die Glasscheiben herantritt.
Edvard Munch wurde 1863 geboren und starb 1944. Er gilt als der vielleicht bekannteste Künstler Norwegens, ein Symbolist und früher Vertreter des Expressionismus. Existentielle Themen und grundlegende menschliche Ängste spielen eine zentrale Rolle, so dass sein Werk auch heute noch überaus aktuell ist.
Auf der 11. Etage geht es im Ausstellungsbereich Horizons um die Frage, welche Künstler Munch inspirierten und ihn beeinflussten. Hier sind viele deutsche Expressionisten zu finden – Kirchner, Beckmann und Co.
Sehr inspirierend ist die Ausstellung Edvard Munch & The chocolate factory im 9. Stock. Munch hatte 1922 die Auftragsarbeit übernommen, die Kantine für die Mitarbeiterinnen der Freia-Schokoladenfabrik zu dekorieren. Die Werke sind nun erstmals in einem Museum zu sehen und machen nicht nur Kunst im öffentlichen Raum zum Thema, sondern auch die soziale Frage. Die Werke geben einen Einblick in eine sich ändernde Gesellschaft.
In der 7. Etage kann man Munchs Zuhause besuchen und wird von seiner Haushälterin empfangen, die sich für ihr schlechtes Englisch entschuldigt. Die Räume sind spannend inszeniert und nur angedeutet durch Markierungen auf dem Boden und Lichtakzente, einzelne Objekte und Geräusche. Ein enormer Kontrast zur Zeitlosigkeit der Werke Munchs.
Geboren wurde Edvard Munch 1863 als Sohn eines Militärarztes in Kristiania, dem heutigen Oslo. Als er fünf Jahre als war, starb seine Mutter an Tuberkulose. Eine Ersatzmutter zog ein und übernahm den Haushalt. Edvard hatte eine äußerst fragile Gesundheit und war dem Tod öfters nahe. Im Alter von 17 Jahren traf er die Entscheidung, Künstler zu werden. Mit 22 Jahren reiste er für drei Wochen nach Paris, was ihm neue Horizonte eröffnet. Es folgten die erste Liebe und erste Erfolge – in Paris und Berlin.
Monumental auf der 6. Etage zeigt großformatige Munch-Werke – Versionen der Werke, die Munch für die Universität Oslo schuf.
Wer es ganz eilig hat, der kann sich die oberen Etagen sparen und gleich auf Etage 4 gehen, um hier eine kompakte Reise durch das Universum von Edvard Munch anzutreten. Die Werke werden wieder kleinformatiger und sind nach großen Themenbereichen organsiert: Angst, Einsamkeit, Liebe und Tod. Zutiefst menschliche Themen, die einen beeindruckenden Querschnitt des Werks geben.
Munch war begeisterter Fotograf und nutzte die sich entwickelnde Technik. Spannend sind die fotografischen Portraits von Edvard Munch – die Erforschung des Ich.
Die Selbstportraits Edvard Munchs sind unglaublich berührend. Melancholie, Selbstzweifel, Einsamkeit – hier kann man jede menschliche Regung hineinlesen. Rund 80 Selbstportraits schuf Munch im Lauf seines Lebens, und einige davon sind im Munch in Oslo zu sehen. Das Selbstportrait mit Weinflasche stammt aus dem Jahr 1906.
- Munch ist der Meister melancholischer Selbstportraits – Munch, Oslo, Norwegen
- Existentielle Themen in Munchs Selbstportraits – Munch, Oslo, Norwegen
- Munch-Melancholie – Munch, Oslo, Norwegen
Zentrales Element ist dann das Werk, das vielleicht das berühmteste von Edvard Munch ist: DerSchrei. Ich bin vollkommen sprachlos angesichts der Menschenmenge, die sich hier drängt. Hier fällt mir nur der Vergleich zur Mona Lisa im Pariser Louvre ein, wo man sich seinen Platz unmittelbar vor dem kleinen Gemälde auch mühsam erkämpfen muss. Genau so ist es hier auch. Acht Versionen des Schreis befinden sich im Besitz des Munch, und eine von dreien ist immer hier auf der 4. Etage ausgestellt. Die Werke sind zu empfindlich, so dass sie in der Ausstellung rotieren. Zwei Wachleute rahmen das Gemälde – Tempera und Öl – ein und dann braucht es einen Moment Geduld, bis ich ganz vorne stehe. Fast schon Ironie, diese existentielle Angst inmitten all der Menschen…
Wen an dieser Stelle die Energie verlässt, der kann im 1. Stock Zuflucht im Café suchen – natürlich mit Blick auf das Wasser und nur wenige Schritte von der neun Meter hohen Bronzeskulptur The Mother von Tracy Emin.
Mein Fazit: das Munch ist ein unglaublich spannendes Museum, in dem man viel lernen kann über diesen Ausnahmekünstler und sein zeitloses Werk. Falls ihr das Munch besuchen wollt, dann schaut euch die gut aufbereitete und in Englisch und Norwegisch verfügbare Website an! Dort könnt ihr auch zur Vorbereitung des Besuchs einen Audioguide in verschiedenen Sprachen, darunter Deutsch, herunterladen.
Zentralbibliothek als Treffpunkt: die Deichman Bjørvika
Ein weiteres spannendes Bauprojekt wurde im Jahr 2020 eröffnet: die Deichman Bjørvika – die neue Zentralbibliothek, vom Opernhaus nur durch eine Straße getrennt. Die Bibliothek ist ebenfalls weit mehr als ein Ort, wo man ganz schnöde Bücher ausleiht.
Die Architektur der Architekturbüros Lundhagem und Atelier Oslo ist spannend – das fällt sofort auf, wenn man vor dem Gebäude steht: ab dem 4. Stockwerk springt ein Zacken aus der Front und vergrößert so die Grundfläche. Auch in Oslo ist der Baugrund knapp. Insgesamt hat der Bau sechs Etagen mit 13.500 Quadratmetern Fläche. Und die Bücher stehen hier nicht eng beieinander, ganz im Gegenteil. Jede Etage bietet unglaublich viel Platz und die Präsentation ist wohltuend luftig.

Der Bibliotheksbau schraubt sich nach oben, lässt aber Durchblicke frei – Deichman Bjørvika, Oslo, Norwegen
Kunst begrüßt die Besucher gleich unten im Erdgeschoss, nämlich die Installation Brainstorm von Lars O. Ramberg. Leuchtende Neonröhren, die an Spaghetti erinnern – und mit insgesamt 400 Metern Länge Europas längstes Kunstwerk dieser Art.
Um in die oberen Stockwerke zu gelangen, kann man lange Rolltreppen nutzen und immer wieder neue Perspektiven auf die Architektur erlangen. Und die bietet unglaublich viele Nischen – zum Lesen, zum Arbeiten – oder auch gemütliche Ohrensessel, von denen aus man den Blick auf die Oper und den Oslofjord genießen kann. Und wie bei der Oper kann man auch hier einfach reinmarschieren und die Architektur und die unglaubliche Ruhe genießen. 3.000 Besucher gleichzeitig fasst die Bibliothek.
Es gibt Spielecken für Kinder, ein Restaurant und eine wunderschöne Dachterrasse, auf der man den Ausblick und ein kühles Getränk genießen kann. Es werden Workshops organisiert und Filme vorgeführt. Deichman ist übrigens der Name aller insgesamt 22 städtischen Bibliotheken in Oslo. Der Name geht auf den Geschäftsmann Carl Deichman zurück, der im 18. Jahrhundert seine 6.000 Titel umfassende Sammlung plus Geld für Neuanschaffungen der Stadt Oslo vermachte, unter der Voraussetzung, dass sie eine Bibliothek errichte. Kann man sich ein schöneres Denkmal setzen?
Mit dem Elektroboot auf den Oslo-Fjord
Falls ihr genug Kultur erlebt habt, dann bietet sich ein Ausflug auf das Wasser an: zum Beispiel mit dem Elektro-Katamaran Vision of the Fjords, der direkt gegenüber des Opernhauses startet.
Das Schiff ist so gebaut, dass jeder Passagier den bestmöglichen Ausblick auf den Oslo-Fjord hat. Und es ist komplett lautlos unterwegs – was für eine absolute Wohltat! Die Reise geht vorbei an der Akershus-Festung, am Rathaus, Aker Brygge und dem Astrup Fearnly-Museum, bevor es in Richtung Bygdoy und Leuchtturm geht. Und dann geht es vorbei an den Inseln Nakkholmen, Lindoya, Gressholmen, Heggholmen und Bleikoya.
Eine zauberhafte Inselwelt breitet sich vor unseren Augen im im Oslo-Fjord aus, mit viel Grün, kleinen Häfen und bunten Holzhäusern. Ab und zu ein Segelboot, das vorbeizieht.
Die Zeit auf dem Wasser geht viel zu schnell vorbei und schon kommt wieder das Munch-Museum in Sichtweite, dann die Oper, bevor das Schiff lautlos anlegt.
Drumherum und am Wasser
Was mir auffällt in Oslo: es gibt rund um diese Architekturhighlights Platz, wo Menschen sich aufhalten können. Entweder Bänke mit Ausblick oder Streetfood-Buden, wo man sich ein Eis oder eine Kleinigkeit zu essen holen kann. Brücken verbinden die einzelnen Bauwerke und es sind tatsächlich enorm viele Fußgänger und Radler unterwegs.
Es gibt in direkter Sichtweite der Oper einen kleinen Strand, an dem Kinder baden und Sandburgen bauen können, und richtige Badestellen, also feste Stege mit Platz zum liegen, Rettungsringen für den Notfall und oftmals auch Duschen.
Und wer will, kann sich ein Kajak ausleihen und eine Tour durch den Fjord unternehmen. Auch Stand Up Paddle ist zu sehen und natürlich kleine oder größere Boote.
Neugierig geworden?
Falls ihr neugierig geworden seid auf die großartigen Architektur- und Kunstprojekte in Oslo, dann schaut euch doch auf der Website von Visit Oslo vorbei. Sie bietet eine Fülle an Tipps und ist neben Norwegisch auch in Deutsch, Englisch und Französisch verfügbar.
Falls ihr den Bogen weiter schlagen möchtet, dann bietet sich die Seite von Visit Norway an, ebenfalls auf Deutsch verfügbar. Und wenn ihr gerne mit einem Reiseführer unterwegs seid: der Oslo MM-City-Reiseführer von Lisa Arnold war für mich der perfekte Reisebegleiter. Die Autorin hat für den gleichen Verlag auch den Band über Stockholm geschrieben.
Stadtlandschaft Oslo - mit der Oper, dem Munch und der Deichman-Bibliothek 


































