Beim #MediaCampNRW in Bochum

Der Werkraum der GLS-Bank - tolle Location für das #MediaCampNRWDer Werkraum der GLS-Bank - tolle Location für das #MediaCampNRW

Es ist mir ein absolutes Rätsel, wie dieses Barcamp mir bislang verborgen bleiben konnte! Aber jetzt war ich tief im Westen, in Bochum, zur bereits siebten Ausgabe des MediaCampNRW. Ein Barcamp für Medienmacher und Kreative, bei dem sich alles um die Frage dreht, wie sich die Medien in der Zukunft entwickeln. Genau mein Ding, auch wenn ich als Destination auf der anderen Seite stehe. Allerdings erlebe ich dort täglich das Elend und den Niedergang der Medienlandschaft. Erfahre von der Zusammenlegung und Konzentration von Redaktionen. Höre von Freelancern, die angesichts geringer werdender Honorare um das nackte Überleben kämpften. Ja, und wie steht es eigentlich um die Qualität im Journalismus, wenn Verlagshäuser glauben, auf Kosten der Mitarbeiter sparen zu müssen? Es verspricht, ein spannender Tag zu werden!

Bochum - Austragungsort des 7. #MediaCampNRW

Bochum – Austragungsort des 7. #MediaCampNRW

Die Organisatoren

Organisator des #MediaCampNRW ist Kai Rüsberg, auch bekannt als Ruhrnalist. Und der konnte als Sponsor die GLS Bank gewinnen. Die Bank, die keine Investitionen in Waffenproduktion oder Kinderarbeit duldet, dafür aber soziale und nachhaltige Projekte unterstützt, stellte in ihrer Bochumer Zentrale den Werkraum als Location zur Verfügung – ein Coworking- und Innovation Space, wie gemacht für den kreativen Austausch. Zentrales Element: die Kaffeemaschine. Herrlich – hier bleibe ich.

Das Orgateam des #MediaCampNRW in Bochum

Das Orgateam des #MediaCampNRW in Bochum

Als weitere Sponsoren ist das MediaLab.NRW sowie die Bochum Wirtschaftsentwicklung mit an Bord. Besonderer Lesetipp: der Newsletter für Kreativwirtschaft. Aber zunächst geht es für die Newbies los mit den Barcampregeln – alle duzen sich, die Zwei-Füße-Regel, jeder macht mit, keiner ist nur Zuhörer – und der Vorstellungsrunde mit jeweils drei Hashtags. Und dann steht auch schon ratz-fatz die Sessionplanung. Und ich habe wieder die Qual der Wahl und kann mich kaum entscheiden…

Der Sessionplan des #MediaCampNRW oder: die Qual der Wahl

Der Sessionplan des #MediaCampNRW oder: die Qual der Wahl

KI im Journalismus – Hilfe oder igitt?

Die erste Session des Tages verspricht gleich viel Spannung: KI im Journalismus – nutzen oder nicht? Kein Medienmensch kommt heute an dem Thema vorbei. Am Anfang lieferte KI nur oberflächliches Blabla, ohne jede Tiefe. Auf Agenturseite lässt sie sich für Routineaufgaben nutzen. Kennt die KI einmal die Standards zum Verfassen einer Pressemeldung – Struktur und klassischer Aufbau, das Wichtigste nach oben – dann kann sie eine enorme Hilfe sein und Prozesse beschleunigen. Schwierig ist es für Journalisten, die sich über ihren persönlichen Stil definieren. Hier ist Claude ein Tipp, das es sich dem Stil des Schreibenden anpasst.

KI bildet den Zugangstunnel zu Informationen und kann helfen, Texte besser lesbar zu machen, Grammatikfehler korrigieren und Füllwörter eliminieren. Die Frage ist, ob KI Journalismus überflüssig macht. Ein Teilnehmer zieht eine Analogie zu Baugewerbe: früher gab es den Bauarbeiter mit Schippe, der durch den Bauarbeiter, der den Bagger bedienen kann, ersetzt wurde. Für die Feinarbeiten allerdings wird der Bauarbeiter mit Schippe immer noch gebraucht.

Geballte menschliche Intelligenz in der KI-Session des #MediaCampNRW

Geballte menschliche Intelligenz in der KI-Session des #MediaCampNRW

Im Alltag der Tageszeitungsportale ist die tägliche Arbeit ohne KI nicht mehr denkbar. Im Idealfall gibt es Schulungen, wie KI als Hilfsmittel sinnvoll eingesetzt werden kann. Content Management Systeme können Vorschläge für Überschriften oder in Sache SEO machen.

Zugleich stellen sich mehrere Probleme. Da ist zunächst das kapitalistische Produktionssystem. Die Spirale dreht sich immer schneller und es besteht die Gefahr, sich hier gegenseitig überbieten zu wollen. Verlage fordern immer mehr Output. Das Rad dreht sich zu schnell und Lesende wenden sich ab, weil es schlicht zu viel wird.

Und dann die Volontärausbildung! Die fragen sich, warum sie überhaupt noch lernen müssen, wie man ein Portrait schreibt. Fazit: die Kompetenzen wandeln sich und liegen in Zukunft vielleicht eher darin, neue Rechercheansätze oder spannende Interviewpartner zu finden. Eine neue Rolle könnte auch sein, zu beurteilen, ob Texte fachlich korrekt sind. Hier kommt wieder die Analogie zum Baugewerbe: das händische Erlernen einer statischen Berechnung erhöht das Verständnis für die Plausibilität des Ergebnisses, das die Maschine liefert. Auch in der Ausbildung von Journalisten geht es mehr und mehr um die Beurteilung von Texten und Quellenrecherche. Journalisten müssen mit ihrer Arbeit Vertrauen hervorrufen – das ist die einzige Überlebensstrategie.

Fedi – was? Social Web für Medienmenschen

Das Thema von Sascha von Bonn Digital ist das Fediverse als Antwort auf Big Tech. Früher, als wir alle bei Twitter waren, war die Welt noch in Ordnung und man konnte sich wunderbar auf einer Plattform austauschen. Doch Musk und Zuckerberg haten uns den Spaß verdorben, und die Meta-Netzwerke stinken. Doch es gibt eine Alternative: das Fediverse als dezentrales Netzwerk. Mit Open-Source-Software, ein deutsches Produkt.

Die Vorteile liegen auf der Hand. Auch wenn User den Server oder Dienst wechseln, bleiben die Follower erhalten. Beim offenen Web sind alle Inhalte ohne Login lesbar, teilbar und verlinkbar. Das Internet für alle, so wie es ursprünglich gedacht war. Und dann handelt es sich um eine Community mit Haltung. Das gefällt mir so gut an Mastodon: der respektvolle, freundliche Umgang miteinander und die sachlichen Diskussionen. Das Fediverse kommt ohne Datenkraken und Algorithmen aus. Wie schön ist es, eine chronologische Timeline zu haben! Die Heise-Trafficanalyse zeigt, dass Mastodon ganz vorne liegt, was eine gleichmäßige Verteilung der Klicks auf alle Artikel angeht – ohne Polarisierung. Das Gegenteil lässt sich bei X beobachten, so ein einziger Artikel für ein Drittel der Aufmerksamkeit verantwortlich sein kann. Was der zum Thema hat, stelle ich mir lieber nicht vor.

In der Fediverse-Session von Bonn Digital beim #MediaCampNRW

In der Fediverse-Session von Bonn Digital beim #MediaCampNRW

Was mir gut gefällt: bei Mastodon und Bluesky wird man wegen Links nicht downgegradet. Und Pixelfeed als Bildertimeline und Peertube als Videoplattform muss ich mir mal anschauen. Mögliche Anlaufstellen und Instanzen für Journalisten sind djv, dju und reporter. Marketingabteilungen haben es natürlich schwierig mit ihren KPIs: wegen der Dezentralität gibt es keine aussagekräftigen Zahlen.

Die dezentrale Struktur bedeutet, dass die Instanzbetreiber eine besondere Verantwortung haben. Bei BonnDigital gibt es eine moderierte Anmeldung. Die Administratoren können Instanzen blockieren. Und wenn Administratoren nicht auf Hinweise zu Fake-Accounts reagieren, dann ist sogar die Sperrung der Instanz möglich.

Was ich persönlich mir mal ansehen muss: WordPress kann über ein Plugin eingebunden werden. Das Blog wird eine eigene Social-Media-Plattform und läuft nicht auf dem persönlichen Account.

Kollaborativ Journalismus retten

Wie kann man in schwierigen Zeiten zusammenarbeiten und sich gegenseitig unterstützen? In dieser Session berichtet Karl, Fachjournalist für Wissenschaftsthemen und Podcaster mit Spezialgebiet Weltraum und Geologie, von seiner Arbeit bei den Riffreportern. Das ist eine Mediengenossenschaft, 2016 gegründet, in der heute 100 freie Journalisten organisiert sind. Ziel ist es, Freiberufler zu stärken, Dinge ausprobieren und Erfahrungen teilen. Verlage können über einen Marketplace Rechte an Artikeln erwerben. Zudem werden Vorträge, Moderationen und Workshops vermittelt. Bargeldlose Zahlung ist kein Problem: über sog. ´Muschelpunkte´ werden Einnahmen aus Abos und für Veröffentlichungen an die Mitglieder verteilt.

Karl und die Kollaborationen im Journalismus - #MediaCampNRW

Karl und die Kollaborationen im Journalismus – #MediaCampNRW

Die Freischreiber sind ein weiteres Beispiel. Wichtig ist die Erkenntnis, dass freie Journalisten zwar Einzelkämpfer, aber mit ihren Problemen – zum Beispiel mit einer Steuererklärung – nicht alleine dastehen. Und dann die Gemeinnützigkeit im Journalismus, wie bei Correctiv. Schwerpunkt der Tätigkeit ist investigativer Journalismus. Stiftungen geben hier für Recherchethemen, zum Beispiel zum Thema Wattenmeer, Geld. Aktuell wird die Situation wegen des politischen Drucks schwierig.

Warum wird nicht mehr gestreikt? Der Streik der Drehbuchautoren in Hollywood hat funktioniert, allerdings ist der Grad der Organisation ungleich höher. In Deutschlang würde ein Streik kaum bemerkt. Und zu viele Journalisten akzeptieren schlechte Arbeitsbedingungen – aus welchem Grund auch immer – und machen dadurch die Preise für alle kaputt. Problem auch: 80 % der Werbeeinnahmen fließen in die USA. Zu den Tech Bros, die nicht unbedingt Fans der Demokratie sind.

Wie unterschiedlich Generationen ticken können, das zeigt sich am Ende der Session. Eine junge Frau, die in der Geschwindigkeit eines Tiktok-Videos redet, stellt knallharte Forderungen an Journalisten: ihr habt das Wissen – gebt es uns, und zwar im richtigen Format. Also keine zehn Seiten Text, die gelesen und verstanden werden wollen, sondern ein knackiges 3-Minuten-Video. Einwände, dass mit der Kürze eventuell auch ein Informationsverlust einhergeht, lässt sie nicht gelten. Ich bin sprachlos. Erinnere mich an all das, was ich während meines geisteswissenschaftlichen Studiums gelernt habe – Quellenstudium, um zu eigenen Erkenntnissen zu kommen. Und entscheide mich spontan für ein Retro-Thema für die folgende Session.

Direkt hinter der Kaffeemaschine im Werkraum der GLS-Bank, Bochum

Direkt hinter der Kaffeemaschine im Werkraum der GLS-Bank, Bochum

Bei den Pfadfindern – Scouting for Boys

Pascal entführt uns in seiner Session in die Welt der Pfadfinder. Den Namen des Gründers der Bewegung – Robert Baden-Powell – habe ich zumindest schon einmal gehört. Er diente beim britischen Militär und war in Afrika stationiert, wo er während der Belagerung einer Stadt Kinder als Boten einsetzte. Heute würde man dafür den Begriff Kindersoldaten verwenden, und damit sind wir schon beim Kern des Problems. Baden-Powell verfasste 1908 ein Buch mit dem Titel Scouting for Boys, das zum Gründungsdokument der Pfadfinderbewegung werden sollte. Gedacht war es als Friedensdokument, das ein Band der Freundschaft knüpfen und Austausch fördern sollte. Zugleich ist es ein Werk, das tief in seiner Zeit verwurzelt ist.

Das Thema der Pfadfinder ist nach wie vor aktuell. 75 Millionen Pfadfinder gibt es weltweit, 175.000 sind es in Deutschland. Organisiert sind die Pfadfinder in konfessionellen Gruppen. Die Ziele der Pfadfinder sind erstaunlich aktuell: Kinder stark machen, ihnen Werte wie Loyalität und Ritterlichkeit zu vermitteln und einen Raum zu geben, Dinge auszuprobieren. Die alte Auflage des Buches von Baden-Powell ist längst vergriffen, und Pascal berichtet von dem Buchprojekt, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Grundlagen der Bewegung in die neue Zeit zu holen. Fünf Personen sind am Schreibprojekt beteiligt und haben sich an drei Wochenende getroffen, um das Vorgehen zu besprechen.

Resultat: 400 Buchseiten, auf denen 10 übergreifende kritische Themen kommentiert werden. Ein Beispiel sind alte Rollenbilder. Auch wenn der Titel es nicht vermuten lässt: von Anfang an waren Mädchen dabei, man ließ sie nur im Buchtitel unter den Tisch fallen. Der Titel der Neuausgabe lautet folgerichtig Pfadfinden. Dann natürlich Kolonialismus und Militarismus. Rassistische Begriffe wie Neger und Zigeuner werden im 21. Jahrhundert nicht mehr geduldet. Toxische Positivität wird ebenso problematisiert.

In der Session kommt der Vorschlag, die Diskussionen um die Entstehung von Pfadfinden in einem Podcast darzustellen. Das Thema lässt sich gut erzählen: Wie war es damals? Wie machen wir es heute? Und wie sähe die Vermittlung der Gründungsgeschichte heute aus? Immer noch in Buchform oder vielleicht als Comic? Ein überraschend spannendes Sessionthema.

Der Sessionplan des #MediaCampNRW oder: die Qual der Wahl

Der Sessionplan des #MediaCampNRW oder: die Qual der Wahl

Trendradar 2026

Der Barcamptag geht schon fast zu Ende, die Koffeinsättigung sinkt deutlich, und als letzte Session des Tages suche ich mir Johannes´ Trendradar 2026 aus. Es fängt ein klein wenig an wie Gruppenarbeit in der Schule und ich unterdrücke meinen Fluchtreflex, aber das Thema ist durchaus spannend: was sind die Trends, die die Medienwelt in naher Zukunft erleben wird? Sind es überhaupt richtige Trends oder eher Eintagsfliegen?

Robert, mit dem ich vor einer gefühlten Ewigkeit auf einer Pressereise im Limousin unterwegs war, macht als Trend das postfaktische Zeitalter aus. Immer mehr Fake News führen zu mehr Begegnungen im richtigen Leben. Damit verbunden ist eine Spaltung der Gesellschaft in einen Teil, der an Fakten glaubt, und einen anderen Teil. Problem: die KI kann nicht zwischen Wahrheit und Lüge unterscheiden.

Ein weiterer möglicher Trend: Community Journalismus. Eine Teilnehmerin zitiert ein Beispiel aus den USA: Look out Santa Cruz. Zeitungsabonnenten werden hier als Mitglieder betrachtet und zu Offline-Veranstaltungen eingeladen. Medienhäuser sind ansprechbar und fördern den Austausch. Leser werden als Teil des Medienunternehmens verstanden. Ist das die Rettung für den Lokaljournalismus? Sind regelmäßige Veranstaltungen in Redaktionen vielleicht auch Gelegenheit, Dienstleister zu treffen?

Ein dritter Trend gefällt mir persönlich überhaupt nicht: das Whisperverse. Informationen, die über Kopfhörer kommen, sobald man sich irgendwo bewegt. Ich glaube, ich habe viel zu gerne meine Ruhe… Ein weiterer Trend ist nicht zu leugnen: die zunehmende Polarisierung ist längst Alltagserfahrung. Spannungen bauen sich auf, werden aber kaum noch geklärt. Ein weites Feld, denn wo liegt hier die Verantwortung der Medien für das, was in der Bevölkerung passiert?

Liegt hier der Megatrend der Zukunft auf dem Tisch? #MediaCampNRW

Liegt hier der Megatrend der Zukunft auf dem Tisch? #MediaCampNRW

Der Schlussgong läutet und mit einer abschließenden Feedbackrunde geht ein spannender Barcamptag zu Ende. Ich bin platt und tausend Ideen schwirren mir durch den Kopf. Vielen Dank an Andrea von reisefernsehen.com für den Tipp! Ich freue mich jedenfalls schon jetzt auf die Fortsetzung des #MediaCampNRW !

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3 Kommentare

  1. Liebe Monika,

    auch ich war Teilnehmerin des #MediaCampsNRW. Ich bin Wiederholungstäterin, weil ich dieses Format und den Austausch mit Medientreibenden und Kreativen sehr schätze.
    Mit Interesse habe ich deinen Blog gelesen und freue mich sehr über die detaillierten Eindrücke aus den verschiedenen Sessions. Mit dem Fediverse und beim Trendradar haben wir gleiche Sessions besucht. Sehr schön ist es, dass du jede Session so gut beschreibst, dass ich auch einen kleinen Einblick bekomme, ohne die anderen Sessions besucht zu haben. Vielen Dank!

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