Duisburg – das echte Ruhrgebiet

Erinnerung an die Vergangenheit: Alter Hafenkran im Innenhafen DuisburgErinnerung an die Vergangenheit: Alter Hafenkran im Innenhafen Duisburg

Eine Städtereise nach Duisburg? Das kann doch nur eine bekloppte Idee sein, oder? Eine alte, ehemals reiche Industrieregion, die seit Jahren im Niedergang begriffen ist. Zurück bleiben staubige Industriebrachen, Armut und Kriminalität. Doch, genau das ist ein guter Grund, einmal die Vorurteile zu überprüfen. Ich erinnere mich, dass einige der spannendsten Barcamps der letzten Jahre im Ruhrgebiet stattfanden. Der Wille zur Entwicklung und vor allem ein positiver, neugieriger Blick in die Zukunft waren überall spürbar, ob beim Barcamp Ruhr in Essen oder beim MediaCampNRW in Bochum. Jetzt also geht es für mich nach Duisburg. Spoiler: ich habe es nicht bereut, ganz im Gegenteil.

Zwischen Hafenspelunken und Currywurst – Schimanskis Ruhrort

Schimanski ist Kult. Ich glaube, durch ihn bin ich damals zum Tatort-Fan geworden. Ein Kommissar mit einem weichen Herz unter rauer Schale. Legendär sein schmuddeliger Parka mit den vielen Taschen. Ein ruppiger Typ, dabei immer ehrlich, immer bereit, auch einmal zuzuschlagen. Schimanski war der Gegenentwurf zu den langweiligen Ermittlern in Anzug und Krawatte vom Typ Haferkamp und Derrick. Seine direkte Sprache und das allererste Scheiße im deutschen Fernsehne lösten einen Skandal aus. Heute wirkt das unvorstellbar, aber er war damit der Schrecken meiner Großeltern. Und Schimanski ist auch das genaue Gegenteil mancher heutiger Tatort-Ermittler, um deren geistige Gesundheit man sich fast Sorgen machen muss. Am 28. Juni 1981 wurde Duisburg-Ruhrort ausgestrahlt, als 126. Tatortfolge vom WDR produziert und das Debut von Kriminalhauptkommissar Horst Schimanski und seinem biederen Kollegen Christian Thanner. 

Der Vinckekanal in Duisburg-Ruhrort, dahinter Ruhr und Rhein

Der Vinckekanal in Duisburg-Ruhrort, dahinter Ruhr und Rhein

Und jetzt bin ich in Duisburg-Ruhrort, einem der ältesten Teile Duisburgs, direkt am größten Binnenhafen Europas. Der echte Ruhrpott und zugleich die Bühne für Horst Schimanski. Wir stehen an der Rheinpromenade am alten Hafenbecken und schauen auf das Museumsschiff, den Radschleppdampfer Oscar Huber, der daran erinnert, dass hier einst getreidelt wurde, im Hintergrund sind Kräne und Hafenanlagen zu sehen. Im Tatort Duisburg-Ruhrort geht es natürlich auch um den gewaltsamen Tod eines Binnenschiffers. 

Pilgerstätte für Tatort-Fans: die Schimanski-Büste in Duisburg-Ruhrort

Pilgerstätte für Tatort-Fans: die Schimanski-Büste in Duisburg-Ruhrort

Mit der Horst-Schimanski-Gasse und einer Bronze-Büste hat man Schimmi ein Denkmal gesetzt. Wobei die Stadt Duisburg sich zunächst wehrte, weil sie Verwechslungsgefahr mit einem heute vergessenen Wuppertaler Fußballspieler ähnlichen Namens fürchtete, dann darauf pochte, dass nur bereits verstorbene Menschen mit einer eigenen Straße geehrt werden. Doch der Druck der Fangemeinde war zu groß. Und die Stelle ist gut gewählt, denn hier wurde eine Szene des ersten Duisburg-Tatorts gedreht, in der Schimanski sich in einem Hauseingang versteckt. 

Unspektakulär: die Hafenkneipe ´Zum Hübi´ in Duisburg-Ruhrort an der Horst-Schimanski-Gasse

Unspektakulär: die Hafenkneipe ´Zum Hübi´ in Duisburg-Ruhrort an der Horst-Schimanski-Gasse

Direkt gegenüber der Schimanski-Büste befindet sich die Hafenkneipe Zum Hübi. Schon der Eingang mit der heruntergelassenen Rolllade sieht nicht unbedingt aus, als erwarte man hier überhaupt Gäste. Gastronomische Glanzleistungen würde ich hier niemals vermuten. Auch um eine einladende Inneneinrichtung hat sich hier ganz offensichtlich nie jemand gekümmert. Von der Decke hängt ein Haifisch mit beeindruckenden Zahnreihen herunter, daneben sehe ich farbige Weihnachtssterne und auch ein Zebra scheint eine gewisse Rolle zu spielen. Ein Ort, der gut tut in einer glattgebügelten Welt, und die Begrüßung ist überaus herzlich. Hier trinkt man Köpi – König Pilsener – und dazu gibt es Currywurst. Berliner müssen an dieser Stelle ganz stark sein: Currywurst wurde nicht in der großmäuligen Hauptstadt erfunden, sondern im Ruhrgebiet – in Duisburg. Peter Pomms Puszettenstube heißt der Ort, an dem Peter Pomm – im richtigen Leben Peter Johann Hildebrand – im Jahre 1936 die Currywurst erfand, indem er Currypulver über eine Wurst mit Tomatensoße streute. 13 Jahre vor Herta Heuwer in Berlin. Die zwei Duisburger Autoren Koch und Lauenburger fanden die Rechnung, ausgestellt vom Hamburger Hafen, für die Lieferung britischen Currypulvers an Hildebrand. Die Geschichte klingt plausibel, denn als Hafenstadt verfügte Duisburg logischerweise über allerbeste Handelsbeziehungen und kam leicht an exotische Produkte. Duisburg-Marxloh wird seither immer mehr zum Zentrum der Currywurstfans. Und auch hier, bei Hübi, kann die Currywurst sich sehen lassen. 

Duisburger Erfindung: Currywurst bei ´Hübi´ in der Hafenkneipe

Duisburger Erfindung: Currywurst bei ´Hübi´ in der Hafenkneipe

Die Anfänge des Hafens von Duisburg gehen auf das 14. Jahrhundert zurück und eine Zollstelle auf einer Insel im Rhein. Wir schauen uns die alte Schifferbörse an, wo einst die Fracht gehandelt wurde. Nur wenige Schritte entfernt liegt das Stammhaus der Firma Haniel, die 1756 als Kolonialwarenhandel startete und heute ein weltweit operierender Konzern ist. Geordnete Arbeitsverhältnisse waren damals eher die Ausnahme. Die Arbeit im Hafen wurde vielmehr von Tagelöhnern verrichtet. Das Risiko, den Lohn gleich in der nächsten Kneipe durchzumachen, war groß. 125 Hafenkneipen gab es im Jahr 1958 in Duisburg-Ruhrort. Unser Guide Frank erzählt, dass sein Opa Steiger war, der die Lohntüten für 25 Mitarbeiter verteilen musste. Er wusste genau, dem er die Lohntüte direkt in die Hand geben konnte, und welcher Tüte er Geld entnehmen und der Ehefrau zustecken musste, damit sie die Miete bezahlen und Lebensmittel kaufen konnte. 

Eine der berüchtigten Hafenspelunken war die von Tante Olga. Olga war gebürtige Straßburgerin und über Paris, die Stadt der Liebe, nach Duisburg gekommen, der Liebe wegen. Ein sogenanntes gefallenes Mädchen, dass zunächst eine kleine Gaststube und dann in der Fabrikstraße ein Tanzlokal eröffnete, das nicht zuletzt dank leicht bekleideter Serviererinnen zum heißesten Schuppen des Reviers wurde. Über die Nutzung der zum Tanzlokal gehörenden 16 Zimmer kann man nur spekulieren. Regelmäßiger Stammgast bei Olga war Udo Lindenberg, die Nachtigall aus Gronau, fast an der niederländischen Grenze und damit am westlichen Rand des Reviers gelegen. Er studierte ab 1962 der Düsseldorfer Akademie, wenn auch nur für ein Jahr. Die Atmosphäre bei Tante Olga und die Begegnung mit Benny Quick schien ihn jedenfalls zu einer Karriere als Rock´n´Roller zu inspirieren. Sie schwankte zwischen verraucht und verrucht – hierzu gibt es noch Zeitzeugenberichte. Wenn man heute durch die Fabrikstraße geht, dann ahnt man nichts mehr von der wilden Vergangenheit Duisburgs als St. Pauli des Ruhrgebiets.

Wir laufen weiter zum Neumarkt, heute das kreative Zentrum von Ruhrort mit vielen Initiativen für den Zusammenhalt im Veedel. Die Strickguerilla hat auf den Laternenmasten ihre Spuren hinterlassen und auch Schimanski grüßt als Graffiti. Hier findet sich die Kneipe von Gerda, einer weiteren Ruhrort-Legende. Noch sind die Rollläden heruntergelassen, aber ab 17 Uhr steht die 86-jährige Gerda wieder hinter der Theke, um ihren Stammgästen Wohnzimmer und Seelsorgerin zugleich zu sein. 

Guide Frank Switala vor der Kneipe von Ruhrortlegende Gerda - Duisburg

Guide Frank Switala vor der Kneipe von Ruhrortlegende Gerda – Duisburg

Nur wenige Schritte weiter, ebenfalls am Neumarkt liegt die Kneipe Zum Anker. Hier stellte Schimanski im allerersten Duisburg-Tatort den verdächtigen Poppinga. In einer Szene von Duisburg-Ruhrort blickt Schimanski aus dem Fenster seiner Wohnung auf die qualmenden Industrieschlote der Krupp-Werke. Szenenwechsel zur industriellen Vergangenheit Duisburgs. Viel hat sich seither verändert. 

Morbide Stimmung im Nieselregen und im Frühling explodiert das Grün - Landschaftspark Duisburg-Nord

Morbide Stimmung im Nieselregen und im Frühling explodiert das Grün – Landschaftspark Duisburg-Nord

Frisches Erbe der Industriekultur – Landschaftspark Duisburg-Nord

Der Landschaftspark Duisburg-Nord ist ein wuchtiges Zeugnis der industriellen Vergangenheit Duisburgs und zeigt zugleich auf, wie man alten Industrielandschaften neues Leben einhauchen kann. Es handelt sich um ein rund 180 Hektar großes Gelände rund um ein stillgelegtes Hüttenwerk in Duisburg-Meiderich. Der Landschaftspark Duisburg-Nord ist Teil der Europäischen Route der Industriekultur sowie der Route der Industriekultur im Ruhrgebiet. 

Die Natur erobert sich den Landschaftspark Duisburg-Nord zurück

Die Natur erobert sich den Landschaftspark Duisburg-Nord zurück

August Thyssen gründete das Werk in Meiderich 1902, im Jahr 1903 wurde der erste Hochofen in Betrieb genommen. Die Stahlproduktion war einst für den Reichtum und wirtschaftlichen Aufschwung des Ruhrgebiets verantwortlich. Nach dem 2. Weltkrieg waren 500.000 Bergleute und 280.000 Hüttenarbeiter im Ruhrgebiet tätig. In Duisburg zählte man 1967 sieben Hütten mit insgesamt 36 Öfen. Heute sind noch zwei Hütten mit sieben Öfen übrig geblieben. Im Thyssen-Werk in Meiderich gab es insgesamt fünf Hochöfen, von denen jedoch zwei bereits Ende der 1960er Jahre abgerissen wurden. Der jüngste Hochofen wurde 1985 nach gerade einmal 12 Jahren Betriebszeit wegen unrentabler Produktion stillgelegt. 

Industrie trifft Natur im Landschaftspark Duisburg-Nord

Industrie trifft Natur im Landschaftspark Duisburg-Nord

Ein Architekturwettbewerb wurde ausgeschrieben, mit dem Ziel, das Gelände und die noch bestehenden Gebäude neu zu nutzen und Besuchern zugänglich zu machen. Das Gelände ist heute rund um die Uhr frei zugänglich und sucht die Nähe zu den umliegenden Wohngebieten. 

Kletterparcours in der Gießhalle - Landschaftspark Duisburg-Nord

Kletterparcours in der Gießhalle – Landschaftspark Duisburg-Nord

Wir laufen am Besucherzentrum vorbei und machen uns auf den Weg zu den Hochöfen 1 und 2. Die wuchtigen, halb verfallenen Bauten lassen mich ein an die alten Destillerien auf Martinique denken, wo auch zwischen viel Rost das Leben tobt. Der Landschaftspark Duisburg-Nord präsentiert sich uns als fast mystischer Lost Place, mit allen Schattierungen von Grau, Braun und Grün. Doch sobald die Sonne durchbricht, verwandelt das Gelände sich in einen riesigen Abenteuerspielplatz. In der Gießhalle von Hochofen 2 ist heute ein Kletterparcours inklusive Seilrutsche angelegt, der gerne auch für Teambuildings genutzt wird. 

Quasi gegenüber befindet sich das alte Gasometer. Von außen sieht man nicht, dass sich hinter den wuchtigen Mauern ein Tauchzentrum befindet. 45 Meter Durchmesser und 13 Meter Wassertiefe bilden ein ideales Trainingsrevier für Sporttaucher sowie Taucher von Polizei und Feuerwehr. Wracktaucher können hier einen alten Trabi erkunden. Die 21 Millionen Süßwasser haben je nach Jahreszeit eine Temperatur zwischen 7 und 26°C. Anfänger können sich für ein Schnuppertauchen anmelden.

Im alten Gasometer kann man heute abtauchen - Landschaftspark Duisburg-Nord

Im alten Gasometer kann man heute abtauchen – Landschaftspark Duisburg-Nord

In Gießhalle 1, nur ein paar Schritte entfernt, findet in den Sommermonaten Kinoaufführungen statt, die stets gut besucht sind, wie unser Guide uns erzählt. Überhaupt kann das ganze Gelände für Freizeitaktivitäten aller Art genutzt werden. Wer mag, lässt sich zu einem Picknick nieder. Erklärtes Ziel des Parks ist es, eine Freifläche im dicht besiedelten Duisburger Norden zu schaffen. Und die Duisburger nehmen dieses Angebot gerne an. Ich nehme mir fest vor, in der warmen Jahreszeit wiederzukommen, um mir das Treiben anzuschauen.

Sammelpunkt - Landschaftspark Duisburg-Nord

Sammelpunkt – Landschaftspark Duisburg-Nord

Wusstet ihr, dass es eine Sektion Duisburg im Deutschen Alpenverein gibt? Der hat in der Erzbunkeranlage einen alpinen Klettergarten auf einer sagenhaften Starthöhe von 26 Metern über dem Meeresspiegel angelegt. Mit Möllerbunker wurden einst Koks und Eisenerze zwischengelagert. Als das Hüttenwerk noch in Betrieb war, lagen oben Eisenbahnschienen, um alles zum vier Kilometer entfernten Rhein transportieren zu können. Unglaublich, hier eine Via Ferrata Monte Thysso zu sehen!

Dt. Alpenverein Sektion Duisburg - Landschaftspark Duisburg-Nord

Dt. Alpenverein Sektion Duisburg – Landschaftspark Duisburg-Nord

Abenteuerspielplatz Betonlandschaft - der Dt. Alpenverein im Landschaftspark Duisburg-Nord

Abenteuerspielplatz Betonlandschaft – der Dt. Alpenverein im Landschaftspark Duisburg-Nord

Klettersteig trifft Industrieschlot - Landschaftspark Duisburg-Nord

Klettersteig trifft Industrieschlot – Landschaftspark Duisburg-Nord

Wer in die Zeit der Arbeit am Hochofen abtauchen will, kann sich einen kurzen Film anschauen. Harte und auch gefährliche Arbeit. 

Lichteffekte - Landschaftspark Duisburg-Nord

Lichteffekte – Landschaftspark Duisburg-Nord

Lichteffekte - Landschaftspark Duisburg-Nord

Lichteffekte – Landschaftspark Duisburg-Nord

Oberhalb des Kletterparks verläuft heute der Bunkersteg – ein Spazierweg, der über der Erzbunkeranlage angelegt wurde und den alten Eisenbahnschienen folgt. Von hier oben kann man perfekt den Kletterern zuschauen und nebenbei schöne Ausblicke auf die alten Industrieanlagen erhaschen. Und die Natur erobert sich die Anlage zurück – ein Blick auf die Fugen und Ritzen im Mauerwerk zeigt vielfältiges Leben.

Der Bunkersteg bietet besondere Ausblicke - Landschaftspark Duisburg-Nord

Der Bunkersteg bietet besondere Ausblicke – Landschaftspark Duisburg-Nord

Apropos Natur: der Fotograf Thomas Berns begleitet den Landschaftspark Duisburg-Nord seit mehr als zwei Jahrzehnten mit seiner Kamera. Einige seiner Naturaufnahmen sind auf dem Gelände zu sehen und belegen eindrucksvoll, warum der Park 2024 als Gartendenkmal ausgezeichnet wurde. 

Die Fotografien von Thomas Berns zeigen den Landschaftspark Duisburg-Nord als Gartendenkmal

Die Fotografien von Thomas Berns zeigen den Landschaftspark Duisburg-Nord als Gartendenkmal

Ein besonderes Erlebnis ist der Aufstieg auf Hochofen 5. Schmale Treppen führen an zwei Seiten des Hochofens nach oben. Immer wieder bleibe ich stehen, um die Aussicht zu genießen oder entgegenkommenden Besuchern den Vortritt zu lassen. Auf den verschiedenen kleinen Plattformen herrscht reger Andrang; ich höre Niederländisch und Französisch. Den Erläuterungen mancher Besucher merkt man den persönlichen Bezug zum Hochofen ganz  deutlich an. Oben angekommen bietet sich in 70 Metern Höhe ein perfekter Rundblick über das 180 Hektar große Gelände.

Die Plattform auf Hochofen 5 bietet einen tollen Blick über den Landschaftspark Duisburg-Nord

Die Plattform auf Hochofen 5 bietet einen tollen Blick über den Landschaftspark Duisburg-Nord

Der Aufstieg auf Hochofen 5 lohnt! Landschaftspark Duisburg-Nord

Der Aufstieg auf Hochofen 5 lohnt! Landschaftspark Duisburg-Nord

Neben den beeindruckenden Hochofen, die immer durchlaufen mussten, gibt es heute im Landschaftspark Duisburg-Nord eine so beeindruckende Pflanzenvielfalt, dass auch die Biologische Station Westliches Ruhrgebiet hier eine Dependance betreibt. 700 der 2000 in ganz Nordrhein-Westfalen beheimateten Pflanzenarten sind hier im Duisburger Norden zu finden. 

Detail der Heißwind-Ringleitung - Landschaftspark Duisburg-Nord

Detail der Heißwind-Ringleitung – Landschaftspark Duisburg-Nord

Industriedenkmal - Landschaftspark Duisburg-Nord

Industriedenkmal – Landschaftspark Duisburg-Nord

Kunst am Bau - Landschaftspark Duisburg-Nord

Kunst am Bau – Landschaftspark Duisburg-Nord

Stadt am Wasser: Am Innenhafen

Früher Handelshafen und heute Szeneviertel – das ist der Innenhafen in Duisburg. Ab dem frühen 19. Jahrhundert wurde der Duisburger Innenhafen als Teil des Hafens der Stadt entwickelt. Hier, im sogenannten Brotkorb des Ruhrgebiets, wurden große Mengen Getreide, aber auch Kohle und andere Waren umgeschlagen. Die Zentrallager und die Laderampen der Spar-Supermärkte gibt es heute nicht mehr, ebenso wenig die Supermarktkette selbst. Zu sehen sind nur noch einige Stützstreben und das ehemalige Treppenhaus sowie unterschiedliche Höhenniveaus, gestaltet vom israelischen Künstler Dani Karavan. Architektur gewordene aufgeschlagene Seiten des Buchs der Bücher erinnern an die frühere Synagoge. Land Art oder ein gewollter Lost Place als Teil des Altstadtparks. Was es nicht gibt, das ist eine Erklärung, was man hier sieht. 

Die Landschaft am Duisburger Innenhafen will gelesen werden

Die Landschaft am Duisburger Innenhafen will gelesen werden

Die wirtschaftliche Bedeutung des Innenhafens nahm im Lauf des 20. Jahrhunderts ab. Bereits in den 1960er und 1970er Jahren wurden Teile der Hafeninfrastruktur nicht mehr genutzt und verfielen. Die Umgestaltung begann in den 1990er Jahren und niemand Geringerer als Sir Norman Foster wurde mit der Planung beauftragt. Wohnen und Arbeiten am Wasser, gewürzt mit einer Prise Kultur und Unterhaltung – das war der Grundgedanke. Foster wurde übrigens selbst in eine Arbeiterfamilie hineingeboren. In Frankreich zeichnet er für das Carré d´Art in Nîmes verantwortlich. 

Der Duisburger Innenhafen wurde nach dem Masterplan von Sir Norman Foster gestaltet

Der Duisburger Innenhafen wurde nach dem Masterplan von Sir Norman Foster gestaltet

Von der Schwanentorbrücke aus, vorbei am Landesarchiv NRW mit dem markanten, fensterlosen Backsteinturm eröffnet sich ein schöner Spazierweg, vorbei an alten Hafenkränen. Alte Speicherhallen aus Backstein mit rhythmischen Fensterzeilen werden durch moderne Architektur mit viel Glas ergänzt. Brücken verbinden beide Seiten. Markant sind die Five Boats von Foster am Yachthafen, etwas weiter gibt es kleine Grachten. Wunderbar lässt sich hier am Wasser entlang flanieren. Und auch Gastronomie ist reichlich vorhanden. Der perfekte Ort, um den Blick aufs Wasser zu genießen. Und auch ein echtes Kunsthighlight liegt direkt am Duisburger Innenhafen. 

Kunsthighlight Küppersmühle

Kein Citytrip ohne Museumsbesuch, und in Duisburg stehe ich vor der Qual der Wahl. In der Innenstadt, unweit vom Hauptbahnhof lockt das Lehmbruck Museum mit seiner Sammlung moderner Skulpturen, von denen einige auch im Kantpark zu sehen sind. Mich reizt jedoch das MKM Museum Küppersmühle für moderne Kunst dann doch noch mehr. 

Backsteinpracht: Museum Küppersmühle für moderne Kunst in Duisburg

Backsteinpracht: Museum Küppersmühle für moderne Kunst in Duisburg

Das MKM Museum Küppersmühle liegt direkt am Duisburger Innenhafen. Es handelt sich um eines der größten deutschen Privatmuseen, und ich frage mich, was hier spektakulärer ist: die alte Industriearchitektur mit moderner Erweiterung oder die aufregende Sammlung?

Bereits 1860 gab es am Duisburger Innenhafen eine Mühle, die 1908 durch einen dreiflügeligen und heute siebenstöckigen Neubau ersetzt wurde. Wenige Jahre später folgten ein Kesselhaus und ein Schornstein, später dann ein enormes Stahlsilo. 1972 wurde die marode Mühle stillgelegt, aber eine Bürgerinitiative verhinderte den Abriss. 

Im Museum Küppersmühle in Duisburg wird die Architektur zur Kunst

Im Museum Küppersmühle in Duisburg wird die Architektur zur Kunst

Die Neueröffnung als Museum im Jahr 1999 geht auf eine Initiative des Duisburger Kunstsammlers Hans Grothe zurück. Das Schweizer Architekturbüro Herzog & Meuron schuf einen modernen Museumsbau mit bis zu sechs Meter hohen und lichten Räumen. Das Weiß im Inneren schafft einen großartigen Kontrast zum roten Backstein außen. Grothes Sammlung umfasste damals 800 Werke von 40 deutschen Künstlern; sie wurde auf 3.600 Quadratmetern der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Und die Werke können atmen und ihren ganzen Zauber entfalten. Die Sammlung Grothe wurde vom Darmstädter Sammlerpaar Sylvia und Ulrich Ströher übernommen. Sylvia ist Erbin des Wella-Konzerns und hatte durch den Verkauf des Unternehmens an Procter & Gamble ausgesorgt – sie konnte in Kunst investieren. 

Der Erweiterungsbau des Architekturbüros Herzog & de Meuron im Herbst 2021 machte eine Neupräsentation der Sammlung Ströher möglich. Auf nunmehr 5.000 Quadratmetern Fläche wird hier deutsche Kunst nach 1945 präsentiert. Und die Sammlung präsentiert sich wie das Who ist Who der deutschen Kunst: Hans Arp, Willi Baumeister und Ernst Wilhelm Ney im Erdgeschoss, ein Stockwerk darüber Imi Knoebel, der großartige Gotthard Graubner, dessen Werke solch eine enorme Sogwirkung haben, und nur ein paar Schritte weiter Gerhard Richter und Georg Baselitz. Im zweiten Obergeschoss geben sich dann Anselm Kiefer, Markus Lüpertz und A.R. Penck die Ehre. Und das sind nur einige Namen. 

Spektakulär anzuschauen sind die historischen Silos, die eine Verbindung zwischen Alt- und Neubau schaffen. Ich laufe von einem Ausstellungsbereich zum nächsten und sehe hier, wie alleine durch die Lichtinszenierung der alten Industriekultur ein Denkmal gesetzt wird. 

Rost als Kunst - die alten Getreidesilos im Museum Küppersmühle in Duisburg

Rost als Kunst – die alten Getreidesilos im Museum Küppersmühle in Duisburg

Stabiles Fundament - Museum Küppersmühle in Duisburg

Stabiles Fundament – Museum Küppersmühle in Duisburg

Auch die beiden gewundenen Treppenhaustürme aus terrakottafarbenem Beton wirken wie eine gigantische Skulptur. Das Treppenhaus am Altbau sitzt außen am Gebäude, ist aus rotem Backstein gebaut und Teil der Fassadeninszenierung. Besucher steigen im Inneren des Museums in einer spiralförmigen Bewegung nach oben, in langsamem und ruhigem Rhythmus, weil man so am besten die Lichtwirkung genießen kann. Das Licht fällt durch schmale Öffnungen und sorgt für Entschleunigung. Im Neubau ist die Treppe nach Innen verlegt, so dass das Raumerlebnis anders ist. 

Wenn das Treppenhaus zur Skulptur wird - Museum Küppersmühle in Duisburg

Wenn das Treppenhaus zur Skulptur wird – Museum Küppersmühle in Duisburg

Wenn das Treppenhaus zur Skulptur wird - Museum Küppersmühle in Duisburg

Wenn das Treppenhaus zur Skulptur wird – Museum Küppersmühle in Duisburg

Von Tigern und Schildkröten

Für alle, die Kunst mit Spaß verbinden, findet sich Im Duisburger Süden ein besonderes Highlight: Tiger & Turtle Magic Mountain. Die Skulptur im Angerpark wirkt aus der Ferne wie ein mit einem leichten Pinselstrich in den Himmel gezeichnete Achterbahn, die rasanten Fahrspaß verspricht. Doch in Wirklichkeit hat das wuchtige Bauwerk ein ganz ordentliches Gewicht und man man die Stufen nur in gemächlichem Tempo zu Fuß erklimmen. 

Tiger & Turtle von Heike Mutter und Ulrich Genth - Duisburg

Tiger & Turtle von Heike Mutter und Ulrich Genth – Duisburg

Der Namenszusatz Magic Mountain bezieht sich auf die Halde, auf der die Skulptur errichtet wurde. Spaziergänger nähern sich ihr in einer kreisförmigen Bewegung durch ein Parkgelände, bevor sie das Werk in ganzer Pracht sehen können. Tiger & Turtle ist eins der Projekte der Europäischen Kulturhauptstadt Ruhr 2010. Erdacht wurde es von Heike Mutter und Ulrich Genth als Landmarkenkunst. Die verwendeten Materialien Stahl und Zink verweisen auf die Geschichte des Standorts und die hier verarbeiteten Rohstoffe. 

Den Looping können Besucher nicht laufen, was dem Erlebnis jedoch keinen Abbruch tut - Tiger & Turtle, Duisburg

Den Looping können Besucher nicht laufen, was dem Erlebnis jedoch keinen Abbruch tut – Tiger & Turtle, Duisburg

20 Meter hoch ist Tiger & Turtle. 17 wuchtige Stützen halten die 90 Tonnen schwere Achterbahn, deren Gesamtlänge inklusive Loop bei 220 Meter liegt. Den Loop kann man natürlich nicht laufen, das verhindern Absperrgitter, aber die zur Verfügung stehenden 200 Meter Lauflänge bieten auch so viel Spaß. Rüstige Seniorengruppen bringen die Laufwege zum Schwingen, während sich so manches kleinere Kind nur mit viel Respekt und noch mehr Vorsicht nähert. 249 Stufen können insgesamt erklommen werden, und mir scheint, als sei das ganze Gelände bevorzugtes Ziel für den Wochenendausflug der Duisburger. 

Blick auf die Industrieanlagen vom Magic Mountain in Duisburg

Blick auf die Industrieanlagen vom Magic Mountain in Duisburg

Magic Mountain, das ist die Aufschüttung der ehemaligen Sudamin Werksdeponie. Bis zu ihrer Insolvenz 2005 war hier die Zinkhütte MHD Sudamin beheimatet. Die Umweltbelastungen nach fast 100 Jahren Zinkherstellung waren groß, so dass die Stadt sofort reagieren musste. Die Idee zur Neunutzung des Geländes war schnell geboren und bereits 2008 wurde der Angerpark der Bevölkerung übergeben. 

Ein begehbares Kunstwerk - Tiger & Turtle in Duisburg

Ein begehbares Kunstwerk – Tiger & Turtle in Duisburg

Heute bieten die Kurven und Wendungen wunderbare Ausblicke auf Duisburg und die umliegenden Industrieanlagen – und bei schönem Wetter sogar bis nach Düsseldorf. Tiger & Turtle ist rund um die Uhr geöffnet und begehbar – abends angestrahlt von 880 LEDs. 

Neugierig geworden?

Mich hat mein Besuch in Duisburg neugierig gemacht, noch mehr zu erfahren. Ich werde ganz sicher den Landschaftspark Duisburg-Nord nochmals mit der Kamera erkunden und auch Tiger & Turtle an einem Abend einen Besuch abstatten.

Wenn ihr mehr über Duisburg wissen wollt, dann schaut doch mal auf der Seite der Stadt vorbei. Die Wege sind kurz im Ruhgebiet, und wer die Städte rund um Duisburg erkunden möchte, findet auf der Seite von Ruhr Tourismus viele Anregungen für Reisende und Tourenvorschläge für Radler. Übrigens, die wichtigste ausländische Besuchergruppe im Ruhrgebiet sind die Niederländer. Ob das vielleicht auch ein klein wenig an Schimanskis Kollegen Hänschen, dem niederländischen Schauspieler Chiem van Houweninge, liegt?

Duisburg-Graffito an der Brücke Schifferstraße

Duisburg-Graffito an der Brücke Schifferstraße

Wer verstehen will, was er sieht, sollte unbedingt eine Führung mit einem Gästeführer unternehmen. Frank Switala ist ein echter Revierprofi und damit Teil der Interessensgemeinschaft professioneller Gästeführer im Ruhrgebiet, der sich nicht in Jahreszahlen ergeht, sondern mit viel Schwung und Humor durch ein Duisburg führt, das sich seiner Geschichte bewusst ist und mit viel Selbstbewusstsein in die Zukunft geht. Ich habe wirklich schon viele Führungen erlebt, bei denen ich das Ende fast herbeisehnte, aber bei Frank merkt man, dass er seine Arbeit und sein Revier liebt. Neben einem reichen Fundus an Anekdötchen, erklärt er ganz nebenbei auch die linguistischen Besonderheiten im Ruhrgebiet. Schlicht großartig.

Offenlegung

In Duisburg war ich zum VDRJ-Halbjahrestreffen und zur Verleihung des Ehrenpreises an Jürgen Zupancic, Gründer und Herausgeber der Reisezeitschrift Clever reisen! Die Preisverleihung fand in der Mercator-Lounge statt, deren Name auf Gerhard Mercator verweist – dem Gelehrten des 16. Jahrhunderts haben wir die Kartographie zu verdanken. Zum Besichtigungsprogramm in Duisburg luden uns die Stadt Duisburg und Ruhr-Tourismus ein. Die beschriebenen Eindrücke sind meine eigenen. 

Teile diesen Beitrag:

6 Kommentare

  1. Wow! Was für ein toller ausführlicher Beitrag über die Stadt und was für eine Liebeserklärung an Schimanski (nach ihm habe ich übrigens aufgehört, Tatort zu schauen. Zu langweilig waren sie alle, egal wo…).

    Da habe ich echt was verpasst, dass ich nicht dabei war, das macht echt Lust auf Duisburg (und die Kneipen) :/

    • Lieber Hubert,
      du hast tatsächlich ein tolles Programm mit spannenden Entdeckungen verpasst und tolle Guides, die mit Herzblut über Duisburg und das Ruhrgebiet gesprochen haben. Und die Menschen machen die Region aus!

  2. Sehr schön geschrieben! Aber über den Ursprung der echten Currywurst (das ist nämlich mehr, als nur Currypulver über eine Tomaten-Sosse zu streuen) müssen wir nochmal diskutieren 😎

    • Lieber Jürgen,

      oder eine kleine Recherche im Landesarchiv NRW unternehmen… Das Magazin ´Langstrecke´ der ´Süddeutschen Zeitung´ hat dem Duisburger Ursprung der Currywurst auch gerade einen ausführlichen Artikel gewidmet. Hauptsache, sie schmeckt!

  3. Joachim Mannebach

    Liebe Frau Fritsch, die schönste Jahreszeit im Landschaftspark ist jetzt (siehe Link) 🙂

    https://www.instagram.com/reel/DXOyiwEiCN5/?igsh=MXA3NDY0MmQ2YmJ5eQ==

    Trubeliger ist es in der Sommerkino-Saison, auch wenn man keinen Film ansehen möchte, lädt der Sandstrand drumherum zum Entspannen, zum Kaltgetränk und natürlich zur Currywurst ein.

    Wenn man mehr Zeit hat: Im Stadtteil Walsum, an der Rheinfähre und im Schatten riesiger Kühlturme steht der Walsumer Hof, seit dem Ende des 19Jh. ein Restaurant mit Schwerpunkt auf Fisch (der heute aber nicht mehr aus dem Rhein kommt.)

    Es gibt vieles, was sehenswert ist, aber es sind keine spektakulären Highlights, eher kleine, etwas unterbelichtete Ecken, die Siedlung Hüttenheim z.B. oder das Museum der Binnenschifffahrt in der ehemaligen Badeanstalt in Ruhrort. Naja, beim nächsten Mal dann….

    • Danke für all die Tipps! Ich komme auf jeden Fall wieder nach Duisburg und freue mich schon auf weitere Entdeckungen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert