Manchmal liegt das Gute so nah. Wie etwa Dijon, die Hauptstadt der Region Bourgogne-Franche-Comté – die Stadt ist ein wahres Highlight für alle Genießer und Feinschmecker und ihre reiche Geschichte lässt sich zudem perfekt zu Fuß erkunden.
Dijon – Fachwerk & Patrizierhäuser
Das Stadtzentrum Dijons ist eine einzige Einladung an Flaneure. 97 Hektar wurden von der UNESCO ausgezeichnet, und die verschiedenen Phasen der Stadtgeschichte lassen sich anhand der Architektur erkunden. Einst gallo-römische Siedlung, war Dijon schon früh ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt zwischen Paris, Lyon und den Alpen.
Die Blüte setzte im Mittelalter ein, als die Herzöge von Burgund Dijon zu ihrer Residenzstadt machen. Handel, Kunst, Architektur und Weinbau ließen die Stadt wachsen und gedeihen, und zahlreiche prachtvolle Bauten stammen aus dieser Zeit.
1477 fällt Burgund an Frankreich und Dijon wird Verwaltungssitz der neuen Provinz. Von dieser Blütezeit zeugen heute noch mehr als 100 Patrizierhäuser. Parlament und Justiz waren hier ansässig, und die Verwaltungsbeamten mussten schließlich standesgemäß wohnen.
Zentrum der Macht: Palais des Ducs de Bourgogne
Eines der Wahrzeichen Dijons ist ganz sicher der Herzogspalast – über lange Zeit politischer und kultureller Mittelpunkt der Stadt. Philipp der Kühne, Johann Ohnefurcht, Philipp der Gute und Karl der Kühne sind die großen Namen dieser Zeit. Sichtbares Zeichen ihrer Herrschaft ist neben der 46 Meter hohen Tour Philippe le Bon die große Küche aus dem 15. Jahrhundert. Die Statue von Philippe le Bon auf einem kleinen Platz hinter dem Palast erinnert heute an 48 Jahre Regentschaft. Doch so gut war er gar nicht, lieferte er doch Jeanne d´Arc an die Engländer aus – als burgundischer Verbündeter der Engländer.
Der Hof der Herzöge von Burgund war ein Wanderhof, d.h. die Herzögen zogen mit Kind und Kegel von der einen Residenz zur nächsten. Im Herzogspalast prägen sie den oberen Teil des Palastes. Der untere Teil ist den Ständen des Burgund gewidmet, denn im 17./18. Jahrhundert begann mit der politischen Erneuerung der Umbau zum klassizistischen Palast. Auch der wunderschöne, halbmondförmige Place de la Libération, früher bekannt als Place Royale, stammt aus dieser Zeit. Heute kann man hier im Sonnenschein auf einer der Terrassen essen oder Kaffee trinken und dabei ganz viel Großstadtflair genießen.
Im Musée des Beaux-Arts
Eines der schönsten und ältesten Museen Frankreichs ist heute Teil des Herzogspalastes, nämlich das Musée des Beaux-Arts. Die Sammlung reicht von mittelalterlichen Kunstschätzen bis hin zu zeitgenössischer Kunst.
Ein besonderer Hingucker sind allerdings die kunstvoll verzierten Herzogsgräber von Philipp dem Kühnen und Johann Ohnefurcht nebst Gattin Margarete von Bayern in der früheren Salle des Festins. Mit allen Insignien der Macht ausgestattete Herrscherfiguren, goldbeflügelte Engel am Kopfende und Löwen am Fußende des Grabs, dazu trauernde Mönche rundherum zeugen vom Prunk einer längst vergangenen Zeit, der jedoch hier perfekt ergänzt wird durch zeitgenössische Kunst. Yan Pei-Mings Selbstportraits leben durch den Dialog mit den alten Werken.
Gegründet wurde das Musée des Beaux-Arts 1799 und seine Sammlung umfasst 140.000 Werke. Ich nehme mir Zeit, um durch die Säle und die Jahrhunderte zu schlendern. Der Eintritt zu diesem wundervollen Museum wie zu den anderen Museen der Stadt ist übrigens frei.
Absolut faszinierend ist neben der großartigen Architektur mit ebensolchen Treppenhäusern die große Vielfalt unterschiedlicher Atmosphären, die die verschiedenen Säle bieten. Der Parcours durch die Ausstellung wird garantiert nicht langweilig.
Prachtvolle Patrizierhäuer
Mehr als 100 Patrizierhäuser kann man heute noch in Dijon bewundern. Man sollte also nicht einfach durch die Straßen laufen, sondern unbedingt auch einmal einen Blick auf die Informationstafeln werfen. Ein schönes Beispiel ist das Haus, das heute der Organisation International du Vin gehört, Die OVI ist Teil der UNO und war vorher in Paris beheimatet. Dijon konnte sich gegen die Konkurrenz von Bordeaux und Reims durchsetzen. Die 17 Millionen Euro für die Renovierung haben sich gelohnt und man kann sehr schön die Straßen- und die Gartenseite unterscheiden.
Prachtvoll präsentiert sich auch das Hôtel Legouz de Gerland, erbaut im Jahr 1690. Sein halbmondförmiger Innenhof lässt an die Place Royale, heute Place de la Libération, denken. Vielleicht war hier der gleiche Architekt tätig, Martin de Noinville.
Allerdings: Dijon besteht nicht nur aus Architektur und alten Steinen. Es gibt auch enorm viele Grünflächen, etwa direkt am Bahnhof der Jardin Botanique de l´Arquebuse mit dem Museum für Naturgeschichte. Eine der schönsten Anlagen ist für mich jedoch der Jardin Darcy – eine Oase der Ruhe im Trubel der Stadt.
Pracht der Renaissance: das Hôtel de Vogüé
Ein prachtvolles Zeugnis der Architektur der Renaissance liegt wenige Schritte vom Herzogspalast entfernt: das Hôtel de Vogüé ist vielleicht das eleganteste Stadthaus in ganz Dijon. Erbaut wurde es 1614 für Etienne de Vogüé, Spross einer einflussreichen burgundischen Familie und offensichtlich ein Mensch mit viel Geschmack. Ein Meisterwerk der Symmetrie. Die Proportionen sind harmonisch, die Fenster elegant und das repräsentative Portal deutet an, dass hier eine bedeutende Persönlichkeit wohnte.
Wenn man in dem kleinen Innenhof steht, dann lohnt es sich, sich einmal umzudrehen, denn die Innenseite des Portals ist üppig verziert.
Und erst das Dach! Das farbenprächtige Dach leuchtet im Sonnenschein und die glasierten, geometrisch angeordneten Ziegel in Gelb, Grün, Rot und Schwarz erfreuen das Herz jedes Fotografen.
Einige Schritte vom Hôtel de Vogüé entfernt befindet sich übrigens die Eule – das Wahrzeichen Dijons. Die kleine, eher unscheinbare Steineule an der Nordseite der Kirche Notre-Dame wirkt schon vollkommen abgegriffen. Es heißt, sie mit der linken Hand zu berühren bringe Glück. Die kleine Eule hat für Dijon große Bedeutung – kleine Bronzetafeln mit Eulensymbolen kennzeichnen den Parcours de la Chouette, einen Stadtspaziergang, der zu den 22 bedeutendsten Sehenswürdigkeiten Dijons führt. Ob die Moutarderie Fallot auch dazu gehört? Die Boutique befindet sich nämlich auch in der Rue de la Chouette – eine Schatzkammer voller scharfer Genüsse.
Cité Internationale de la Gastronomie et du Vin
Dijon bildet das Eingangstor zur Vallée de la Gastronomie, die durch das Rhônetal und vorbei an allerlei Spezialitäten bis nach Marseille führt. Dass die Wahl auf Dijon fiel, liegt quasi auf der Hand, denn hier kann man die doppelte UNESCO-Auszeichnung feiern: die für das gastronomische Mahl der Franzosen und die für die Climats de Bourgogne, also die Weinparzellen, die so typisch sind für das Burgund. Genau diese doppelte UNESCO-Auszeichnung führte dazu, dass in Dijon eine Stadt in der Stadt entstand: die Cité de la Gastronomie et du Vin.
Um die Geschichte der Esskultur geht es in einem musealen Bereich, den man wie die gesamte Cité bei freiem Eintritt besuchen kann. Es entspricht der Lebensweise der Franzosen und Französinnen, das Beisammensein an einer gedeckten Tafel, gutes Essen und ebensolchen Wein sowie das Sprechen darüber zu zelebrieren. Das gastronomische Mahl der Franzosen wurde folgerichtig als immaterielles Weltwerbe von der UNESCO ausgezeichnet. In der Ausstellung A la table des Français kann man erleben, was alles zu einem korrekt gedeckten Tisch gehört und wie Gläser und Besteck angeordnet werden. Dazu kommen Ton- und Filmdokumente. Ganz großartig sind die großformatigen Fotos von Denis Rouvre, einem preisgekrönten Fotografen, dessen Werke auch schon in Deutschland ausgestellt wurden. Rouve zeigt in seinen durchkomponierten Fotografien die verschiedene Anlässe festlicher Mahlzeiten. Sofort entstehen vor meinem inneren Auge ganze Dramen!
Die Cité de la Gastronomie haucht dem Gelände des 1204 gegründeten Krankenhauses Hospital du Saint-Esprit neues Leben ein. Ebenso der großen Kapelle: in der Grande Chapelle dreht sich alles um die Climats de Bourgogne, also die Weinparzellen, und das Terroir. Von oben betrachtet, wirkt das Burgund wie ein Mosaik unendlich vieler Parzellen – jede mit einer ganz eigenen Geologie und einem einzigartigen Mikroklima. Ich rätsele, was mir die große Möbius-Spirale sagen will – der Geist des Weines, der ins Unendliche weist? – , aber die Inszenierung im Gewölbe der alten Kapelle mit ihren Wandmalereien hat viel Charme.
Zwischen den verschiedenen Ausstellungsbereichen liegt ein Food Court à la française – aktuell ein bisschen zu leer für meinen Geschmack, aber was für eine tolle Sammlung kleiner Restaurants, Bäckereien und Boutiquen! Eine Buchhandlung mit einer enormen Bandbreite an Kochbüchern lässt mein Herz sofort höher schlagen. Ich müsste mehr Zeit haben, doch es zieht mich gleich weiter. Im Cave de la Cité werden wir zu einer Weinprobe erwartet.
Die Cave de la Cité ist die Oenothek im Herzen der Cité de la Gastronomie et du Vin. Mehr als 3.000 Weine warten hier darauf getrunken zu werden, wobei manche Tropfen ein etwas höheres Budget verlangen. 250 Weine können an der Weinbar glasweise verkostet werden. Modernste Technik macht es möglich: Besucher können ein individuelles Budget festlegen und dann die Weinregale entlangschlendern und probieren, worauf sie gerade Lust haben.
Auf uns wartet in einem separaten Teil der Oenothek ein Sommelier, der uns mit großer Ernsthaftigkeit und viel Fachwissen durch eine Verkostung edler Tropfen führt. Unglaublich, wie viele Detailinformationen er mit rasender Geschwindigkeit aus dem Ärmel schüttelt. Das Kursangebot der Cité ist ganz beachtlich: Wie verkoste ich einen Wein? Wie sieht das Zusammenspiel von Wein und Speisen aus, Wein und Schokolade, Wein und Käse?
Verschiedene Rebsorten und Anbaugebieten schwirren mir durch den Kopf, und schon geht es weiter, zur nächsten Herausforderung – wir stellen unseren eigenen Senf her! Das Zerstoßen der Senfkörner kostet einige Kraft und Geduld, aber beim Senf ist es wie bei so manchen Produkt: es braucht nur ganz wenige Zutaten neben den Senfkörnern, nämlich Essig und Salz, für das fertige Produkt. Ich füge noch einen Schuss Cassis hinzu – wir sind schließlich im Burgund. Fertig ist das perfekte Mitbringsel.
Der Tempel des Genusses: in der Markthalle von Dijon
Wuseliges Treiben herrscht an den zahlreichen Ständen rund um die Markthallen von Dijon und drinnen werden allerlei Genüsse präsentiert. Früchte und Gemüse sind wie eigentlich überall in Frankreich kunstvoll aufgetürmt. Vor manchen Ständen stehen beachtliche Warteschlangen, aber Qualität setzt sich hier durch und die Menschen warten geduldig, bis sie an der Reihe sind und ihre Bestellung aufgeben können. Ich entdecke allerlei Spezialitäten des Burgund und der Nachbarregionen. Verführerischer Duft lockt mich gleich zu den Käseständen, daneben entdecke ich die für das Burgund so typischen großen, fleischigen Schnecken, begraben unter einer dicken Schicht Kräuterbutter. Oder ein Stück weiter die Bresse-Hühner, leicht erkennbar am Ring um den Fuß. Ich muss sogleich an einen Besuch in der Bresse denken, vor einigen Jahren, als wir bei einem Züchter einen Blick in die Ställe werfen durften und lernten, dass das Geflügel klassische Musik liebt. Am nächsten Stand entdecke ich jambon persillé, Schinkensülze, etwas weiter Fisch und Meeresfrüchte – was für ein Paradies!
Die Bauweise der Markthalle mit ihrer Eisenkonstruktion ist ganz typisch für das ausgehende 19. Jahrhundert. Doch es war nicht Gustave Eiffel, der die Halle erbaute. Der wurde zwar in Dijon geboren und verbrachte hier seine Kindheit und Jugend, das wohl bekannteste Werk seiner Ingenieurskunst steht jedoch in Paris – der Eiffelturm. Die Stadt Dijon konnte sich damals seine Arbeit schlicht nicht leisten, so dass der Entwurf für die Markthalle zwar von Gustave Eiffel inspiriert war, aber vom Stadtarchitekten Ballard stammt und von Ingenieur Louis-Clément Weinberger ausgeführt wurde. Entstanden ist der Bau zwischen 1873 und 1875. Eiffel gibt übrigens einen Hinweis auf die Herkunft der Familie des berühmten Sohnes der Stadt. Der ursprünglicher Name der väterlichen Linie – Bönickhausen – war für Franzosen nur schwer auszusprechen und mit dem Umlaut noch schwieriger zu schreiben. Man machte also die Herkunft zum neuen Familiennamen und fügte dabei noch einen Buchstaben hinzu – die Eifel.
Die Markhalle ist luftige 13 Meter hoch. Entlang der zwei Hauptalleen, die ein Kreuz bilden, stehen vier Pavillons mit insgesamt 246 Geschäften. In der Mitte der Markthalle lässt sich an einer Buvette ein Kaffee oder ein Glas Wein genießen – der perfekte Ort, um das quirlige Treiben rundherum zu beobachten.
Markttage sind Dienstag, Donnerstag, Freitag und Samstag. Ein ganz besonderes Event lockt übrigens von Mitte Mai bis Ende September Genießer in die Markthallten: beim Brunch aux Halles kann man jeden Sonntag das Brunchmenü eines anderen Küchenchefs aus Dijon genießen. Süße und herzhafte Speisen werden an einer langen Tafel in der Markthalle gemeinsam genossen.
An der Quelle: La Source des Vins
Neben den Markthallen gibt es so manche Adresse, die Genießerherzen höher schlagen lässt. Die Source des Vins, übersetzt die Quelle des Weins, gehört sicher dazu. Im historischen Stadtzentrum gelegen, sieht die Source du Vin zunächst aus wie eine ganz gewöhnliche Weinhandlung. Das Schaufenster ist ansprechend bestückt, davor steht ein Tisch mit einigen Stühlen für alle, die den Sonnenschein ausnutzen wollen.
Sobald man jedoch eine schmale Treppe hinabsteigt, gelangt man in einen kleinen Gewölbekeller, der für Käse- und Weinverkostungen perfekt geeignet ist. Die Käseplatte, die uns serviert wird, ersetzt locker eine komplette Mahlzeit. Wir bekommen nicht nur Erläuterungen, in welcher Reihenfolge der Käse verkostet werden sollte, sondern auch zu jedem Käse den passenden Wein. Und stellt euch vor: es gibt sogar Käse mit einer dünnen Senfschicht darin!
Auf genussvoller Entdeckungsreise: La Fine Heure
Herausragenden Weinen begegnen wir in Dijon auf Schritt und Tritt, und eine der schönsten Adressen ist für mich das La Fine Heure – zugleich Restaurant, Weinhandlung und Weinkeller. Jonathan Mollion heißt der kreative Kopf, der die Liebe zum Terroir mit einem modernen Gastronomiekonzept verbindet. Und dieses Konzept hat es in sich!
Unsere Entdeckungsreise startet im Gewölbekeller. Der wuchtige Holztisch, der das Gewölbe dominiert, lässt erahnen, dass es hier vor allem um das gemeinsame Entdecken und Erleben von regionalen Appellationen und Grands Crus geht.
Die Entdeckungsreise startet mit einem Crémant de Bourgogne, der die Lebensfreude feiert: Vive-la-Joie Brut 2019 Bailly-Lapierre perlt fein im Glas und lässt an Brioche und Birne denken. Wir merken schnell, dass es Jonathan weniger um das akademische Wissen, als vielmehr um den Spaß im Glas geht.
Der erste Wein, den wir probieren, ist ein Produkt des Weinkellers direkt neben dem Gewölbekeller: Chut Vin de France 2024 aus la Cuve en ville – die Weinproduktion in einem Chai urbain, direkt in der Stadt, ist der neue Trend in Frankreich. Weiter geht es in schneller Folge mit drei weiteren Weinen.
Der Marsannay Cuvée Saint-Urbain Domaine Jean Fournier lässt uns geschmacklich an die Côte d´Or reisen. Mit dem Chorey-les-Baune 2023 Grand Vin de Bourgogne und dem Corton les Renardes Grand Cru 2014 Maison Roche de Bellerne nähern wir uns dann den Spitzenprodukten der Weinproduktion des Burgund. Das Weinbaugebiet des Burgund ist das kleinste in ganz Frankreich, aber die Preise sind die teuersten des Landes. Man gönnt sich ja auch sonst nichts. Es macht auf jeden Fall großen Spaß, die verschiedenen Weine zu verkosten und Jonathans kenntnisreichen und sehr anschaulichen Beschreibungen der Tropfen zu lauschen.
Doch Jonathan drückt auf die Tube, denn im Restaurant erwartet uns noch ein Mahl mit typischen Burgunder Spezialitäten. Die Gestaltung des Restaurants gefällt mir ausgesprochen gut: ein schlichter Raum ohne Schnickschnack an den Wänden, rustikaler Holzboden und auf den Tischen nur Gläser und Besteck.
Die Tradition, allerdings zeitgenössisch interpretiert, kommt auf den Tellern. Ich entscheide mich als Vorspeise für Oeuf en meurette, ein traditionelles Rezept mit pochiertem Ei in einer würzigen Rotweinsoße. Zum Hauptgang muss es dann natürlich Senf sein: Geflügel mit einer Sauce Gaston Gérard, mit Senf von Fallot – der einzigen Moutarde de Dijon – und 18 Monate altem Comté-Käse. Was für ein Genuss! Und auch das Auge isst mit – der Teller ist ein wahres Kunstwerk! Das Dessert präsentiert ein weiteres Produkt der Region, nämlich die schwarze Johannisbeere. Crémeux de Cassis, mit Crumble. Unglaublich ist auch der Preis dieses opulenten Menüs: 39,90 €, gültig mittags und sogar abends. Damit wird gute Küche tatsächlich erschwinglich.
Auf einen Cocktail zu Monsieur Moutarde
Eine der überraschendsten Adressen in Dijon ist für mich Monsieur Moutarde. Der Name klingt etwas altbacken, doch weit gefehlt. Im eleganten Hôtel Aubriot, einem Bau aus dem 13. Jahrhundert in der Rue des Forges, befindet sich die vielleicht angesagteste Bar in ganz Dijon.
Das Innere des Hauses lässt mein Herz als Flohmarktfan sofort höher schlagen. Der Grundriss des Hauses erschließt mir nicht sofort, aber die zentrale Lage der Bar fällt auf. Es gibt einen Innenhof und zahlreiche kleine Räume und Erker. Die vielen versteckten Winkel wollen entdeckt werden. Alte Sofas und wuchtige Sessel bieten viele Möglichkeiten zum Zusammensitzen und Klönen. Dazwischen findet sich ganz viel Vintage-Charme: stapelweise alte Bücher, altertümliche Radiogeräte und Großmutters Lampenschirme.
Zum Teil fühle ich mich wie mitten in einer Baustelle. In einem Raum wurde offensichtlich eine Wand herausgerissen, das Mauerwerk ist beschädigt und zwei verschiedene Tapeten nähern sich einander an. Shabby Chic, auf die Spitze getrieben – großartig. Auf die Gefahren des Alkoholkonsums wird natürlich hingewiesen, und ich bin ganz sicher: hier schlägt niemand über die Stränge. Und wenn doch: auch ein Bett steht bereit, um den Rausch auszuschlafen.
Château du Clos de Vougeot
Dijon ist das Eingangstor zur Route des Grands Crus. Gévrey-Chambertin, Nuits-Saint-George, Vosne-Romanée – wen lassen diese großen Namen nicht schwelgen? Eine der schönsten Adressen auf der Weinstraße ist ganz sicher das Château du Clos de Vougeot, das traumhaft inmitten der Weinreben thront.
Mehr als 900 Jahre Geschichte wurden in Clos de Vougeot seit der Gründung durch die Zisterzienser aus der nahegelegenen Abtei Citeaux im Jahr 1110 geschrieben. 50 Hektar groß ist der Weinberg zwischen Dijon und Beaune, geschützt durch eine drei Kilometer lange Mauer. Das heutige Gesicht bekam der Bau im Jahr 1551 durch den Anbau des Renaissanceflügels.
Die Opulenz der Renaissance spürt man heute noch in der Küche mit dem sechs Meter langen Kamin. Man sagt, dass hier ein ganzer Ochse am Stück gebraten werden konnte. Der üppig gedeckte Tisch lässt ahnen, welche Bankette hier gefeiert wurden.
Sehenswert sind auch die vier alten Hebelpressen. Die älteste Presse stammt aus dem Jahr 1477. Vier starke Männer waren nötig, um den schweren Holzarm zu bewegen und die Trauben zu pressen.
Auch heute noch wird auf Clos de Vougeot regelmäßig gefeiert, denn das Schloss ist Sitz der Confrérie des Chevaliers du Tastevin, also der Bruderschaft der Ritter des Tastevin. Die 1920er Jahre waren von wirtschaftlichen Schwierigkeiten geprägt und so machte es sich die Bruderschaft nach ihrer Gründung im November 1934 zur Aufgabe, das Image und auch den Absatz der Weine des Burgund zu fördern. Mit Tastevin wird eine kleine silberne Probierschale bezeichnet. Die alten Filmdokumente, die man anschauen kann, zeugen von viel Lebensfreude und sind ein bisschen auch Karneval, getreu dem Motto Jamais en vain, toujours en vin. Illuster ist die Liste der Promis, die zum Commandeur oder Chevalier du Tastevin ernannt wurden: von Willy Brand über Charles de Gaulle, Helmut Kohl und Angela Merkel – die Politikprominenz ist gut vertreten, ebenso aber Kunst und Kultur mit Catherine Deneuve, Lino Ventura und Alfred Hitchcock. Insgesamt zählt die Bruderschaft 12.000 Mitglieder weltweit.
Im Jahre 2015 wurden die Climats de Bourgogne, also die Weinparzellen des Burgund, als UNESCO-Welterbe ausgezeichnet. Die Climats haben ihren Sitz selbstredend in Clos de Vougeot.
Ein Hoch auf die Johannisbeere: das Cassissium
Nicht um die Weintraube, sondern um die schwarze Johannisbeere geht es einige Kilometer entfernt im Cassissium. Zugegeben, die Lage dieses interaktiven Museums ist weit weniger malerisch, denn es liegt in einem schnöden Industriegebiet in Nuits-Saint-Georges. Das Haus hat es jedoch in sich. Auf einer Fläche von 1.000 Quadratmetern dreht sich hier alles um die schwarze Johannisbeere. Das Museum wurde 2001 auf dem Grundstück des Likörfabrikanten Védrenne gegründet. Wir erfahren viel über die wohltuende Wirkung der kleinen Frucht und entdecken alte Werbung. Heute finden jährlich rund 40.000 Besucher den Weg hierher und werden perfekt in deutscher Sprache empfangen.
Es gibt eine Vielzahl von Arten, aber nur fünf Sorten werden ab dem Johannistag Ende Juni geerntet und zu Likör verarbeitet. Beim Gang durch die Produktion bei Védrenne erfahren wir alles über die verschiedenen Etappen der Herstellung. Die frischen Früchte werden innerhalb von 24 Stunden verarbeitet, um eine Oxydation zu verhindern. Die Früchte werden zerkleinert und mit Alkohol aus Zuckerrüben in einen Tank gefüllt. Es folgen erster und – nach der Druckpresse – zweiter Saft. Und, jetzt weghören: 400 Gramm Zucker sind pro Liter im fertigen Produkt enthalten, bei 20 % Alkohol.
Wir laufen weiter durch den Reifekeller und entdecken dort zu unserem Erstaunen Fässer mit Marc de Bourgogne aus den Hospices de Beaune. Das nennt man wohl Nachbarschaftshilfe. Drei Jahre darf der Marc hier reifen.
Wir müssen nun natürlich verkosten und das erlernte Wissen in der Praxis anwenden. Der Star des Hauses – Supercassis – verzaubert jeden Kir oder Kir Royal, findet in Cocktails Verwendung und wird sogar mit Bier gemischt. Daneben gibt es natürlich zahlreiche andere Produkte von Védrenne zu verkosten – von Holunder- und Mirabellen- zu Zimt-Chili-Likören und Sirups. Ich habe mir übrigens einen kleinen Zweig mit nach Hause genommen. Im Wasser hat er jetzt schon Wurzeln gebildet und wer weiß, vielleicht habe ich bald meinen eigenen kleinen Johannisberstrauch.
Mitbringsel gesucht?
Falls ihr ein Mitbringsel aus Dijon sucht, dann schaut doch einmal bei Mulot & Petitjean vorbei! In diesem ältesten Lebkuchengeschäft Dijons wurde bis 1912 noch im Keller produziert. Nonettes mit Epoisse-Käse, so lautet die Empfehlung unseres Guides.
Offenlegung
Für meinen Arbeitgeber war ich zu einem Workshop in Dijon; bei der anschließenden Inforeise habe ich einige Reiseveranstalter begleitet. Das Programm der Reise wurde von Dijon Bourgogne Tourisme & Congrès erarbeitet, mit tatkräftiger Unterstützung von Bourgogne-Franche-Comté Tourisme. Die beschriebenen Eindrücke sind meine eigenen.
Shabby Chic bei ´Monsieur Moutarde´ in Dijon 

















































Das klingt nach einer spannenden und interessanten Stadt! Sie kommt definitiv auf meine Liste.