Korsika, das ist für mich seit jeher die Verheißung unbeschwerter Sommertage. Dabei ist die Saison lang und schon im April lassen angenehme Temperaturen die Macchia aufblühen. Während auf den Bergen noch Schnee liegt, steht man an der Küste schon mit den Füßen im Wasser des Mittelmeers. Ich weiß nicht, wie oft ich schon auf Korsika war. Eins war jedoch sicher: Korsika bietet immer intensive Erlebnisse, eine unglaublich reiche Kultur und gastronomische Genüsse vom Feinsten. Ich erinnere mich an eine Kräuterwanderung mit einem Wanderführer, der von den Kräutern der Insel auf die ganz große Politik zu sprechen kam, an den Adrenalinkick beim Canyoning im Inneren der Insel und an die Begegnung mit einem Schweinebauern und seiner frei lebenden, sportlichen Herde. An das unerwartete Konzert mit Jean-Paul Poletti und seinem Männerchor in einer Kirche in Sartène. An die stimmungsvolle Marienprozession in Casamaccioli. Unzählige Momente, die sich in mein Gedächtnis gebrannt haben, ohne dass ich sie je aufgeschrieben hätte. Die Anreise auf die Insel der Schönheit war nicht immer ganz einfach, vor allem, wenn man in Paris den Flughafenwechsel bewältigen musste. Stress pur und immer die Angst, den Anschluss zu verpassen. Angenehmer ist da schon die Fahrt mit der Fähre, von Nizza aus, und die langsame Annäherung an Korsika. In diesem Sommer gibt es jedoch eine neue Option: mit Air Corsica geht es mit einem Direktflug von München nach Calvi. Ich mache mich auf den Weg, Calvi und die Balagne zu entdecken!
Calvi – Sommerfeeling pur
Calvi ist eine winzig kleine Hafenstadt mit nicht einmal 6.000 Einwohnern an der Nordwestküste Korsikas und zugleich Hauptort der Balagne. Von der frühzeitlichen Besiedlung ist nicht allzu viel bekannt, aber schon Phönizier, Griechen und Etrusker hinterließen in der Gegend ihre Spuren. Seit dem Mittelalter gehörte Calvi zur Republik Genua.
Die Altstadt von Calvi ist klein, und im Prinzip gibt es eine Hauptgasse, die den Ort durchquert. Rechts und links vom Weg aufgereiht finden sich kleine Lokale, Cafés und Boutiquen mit tausend schönen Sachen, die das Herz der Flaneure erfreuen. Calvi ist touristisch, aber auf eine sehr angenehme Art und Weise. Ich bin sofort in einer anderen Welt und genieße die unbeschwerte Atmosphäre.
Am kleinen Lebensmittelladen biege ich links ab und stehe am Hafen. An der Hafenpromenade reihen sich die Lokale auf und direkt am Wasser haben die Anbieter von Exkursionen ihre Verkaufsbuden. Und im Hintergrund immer die Berge.
Sonnenuntergang auf dem Wasser
Wir steuern Calvi Promenade en Mer am Quai Adolphe Landry an. Die Sonne geht bald unter und wir machen uns mit einem Schiff auf den Weg Richtung Sonnenuntergang an der Halbinsel Revellata.
Der Perspektivwechsel erlaubt einen neuen, anderen Blick auf Calvi und die Zitadelle sowie die umliegenden Berge. Plötzlich ist das Festland ganz weit weg.
Schon das kristallklare Wasser begeistert mich, ebenso die Fische, die um das Boot herumflitzen. Wir sind nicht die einzigen, die Revellata angesteuert haben. Um uns herum ankern einige Boote. Zeit für einen Aperitif, begleitet von würziger Charcuterie. Und dann nimmt das Naturschauspiel seinen Lauf…
Korsika schmecken
Die korsische Küche ist voller betörender Aromen und das gemeinsame Mahl ein Zeugnis echter Lebenskunst. Wir haben während unseres Aufenthalts in Calvi zwei Restaurants ausprobiert.
Im Restaurant A Piazzetta fühlt man sich tatsächlich wie auf einem belebten Dorfplatz. Schon als wir uns nähern, schlägt uns ein unglaubliches Stimmengewirr; Lachen und das Klirren von Gläsern entgegen. Lange Tische sind zusammengestellt und fast alle Plätze besetzt. Im A Piazzetta wird familiäre und regionale Küche serviert. Als Hauptspeise wähle ich Cannelloni au Brocciu et aux Blettes. Brocciu ist ein korsischer Frischkäse, der aus Schafs- und Ziegenmilch sowie Molke hergestellt wird. Ein cremig-frisches Erlebnis, mit Mangold verfeinert und mit einer würzigen Tomatensoße vollendet. Und als Dessert korsischer Käse mit Feigenkonfitüre – ein Genuss.
Im Via Marine le Resto speisen Gäste in einer anderen Atmosphäre. Von unserem Tisch geben große Panoramafenster den Blick frei über den Hafen von Calvi, im Hintergrund die Berge im Abendlicht. Die Fischaccras zur Vorspeise überzeugen mich nicht unbedingt – da bin ich vielleicht aus Martinique verwöhnt. Umso schmackhafter jedoch die Hauptspeise: Ravioli, mit Wolfsbarsch gefüllt und in eine Soße mit dem Apéritif Cap Corse getunkt. Auch das Dessert ist ein Gedicht: die Crème brulée mit Clementine und Thymian hat den Sommer gespeichert.

Diese Crème brulée mit Clementine und Thymian hat den Sommer gespeichert – Via Marine Le Resto in Calvi
Natürlich werden zu allen Gerichten korsische Weine serviert. Ich kann euch versichern: die besten Tropfen bleiben auf der Insel! Auffallend im Via Marine le Resto ist auch der gutgelaunte und unglaublich flotte Service. Zum Abschied gibt es aus der Riesenpulle noch einen Kräuterlikör für die Tischrunde.
Die Zitadelle von Calvi
Die bewegte Geschichte Calvis lässt sich am besten in der Zitadelle nachempfinden. Es geht steil hinauf auf grob gepflasterten Wegen, und die dicken Wände speichern die Hitze des Tages. Einwohner, die hier ihre Einkäufe hochschleppen müssen, kann man nur bedauern. Am Zugang zur Zitadelle ist noch heute der Leitspruch Civitas Calvi semper fidelis lesen. Ganz in der Nähe findet sich eine Darstellung von Christopher Columbus mit einem Schiff. Turbulente Zeiten mit wechselnder Herrschaft folgten auf die Herrschaft der Pisaner. Genua gewährte Calvi schließlich Schutz und einen autonomen Status, den Bürgern eine Reihe von Privilegien. Sie dankten mit Treue, auch während der korsischen Unabhängigkeitskämpfe.
Der Gouverneurspalast ist ein überaus trutziger Bau, fast ohne Fenster. Heute ist hier die Kaserne Sampiero, ein Fallschirmjägerregiment der Fremdenlegion, die im Jahr 1963 nach der Unabhängigkeit Algeriens das Land verlassen musste, angesiedelt.

Haus Nummer 10 in der Zitadelle von Calvi – hier wurde Christopher Columbus als Bürger der Republik Genuas geboren
Der große Sohn der Stadt ist Christopher Columbus, der in 1451 in Calvi geboren wurde. Auch wenn der Geburtsort nicht hundertprozentig belegt ist: der Geburtsort liegt auf dem Territorium der Republik Genua und Schriftdokumente deuten konkret auf Calvi hin. Ich glaube das einfach mal, als ich das Ruinengrundstück mit der Hausnummer 10 betrachte.
In der Natur der Balagne
So schön Calvi ist – es wäre schade, die Zeit nur in der Stadt zu verbringen. Wir machen uns auf den Weg in die Balagne, eine Naturregion im Nordwesten der Insel. 25 Gemeinden gehören zu dem gut 860 Quadratkilometer großen Gebiet. Wir fahren von Calvi aus rund 20 Kilometer am Flughafen vorbei bis zum Ende der Straße und finden uns mitten im Wald von Bonifatu wieder.
Wandern im Wald von Bonifatu
Jean-François Pacelli erwartet uns schon auf dem Parkplatz der Auberge de la Forêt. Er ist Wanderführer, arbeitet aber zugleich als Journalist für die Lokalzeitung Corse Matin. Heute will er uns die Wohltaten des Waldes zeigen. Der Wald tut gut – so lässt sich der Name Bonifatu übersetzen. Während es an der Küste heiß ist, bietet der Wald Schatten, kühlere Temperaturen und viel Wasser.
Und schon geht es bergauf in den Wald, der sich auf einer Höhe von 300 bis 1.950 Meter erstreckt. Gutes Schuhwerk ist ratsam auf dem Weg durch Steineichen, Strandkiefern und Laricio-Kiefern. Jean-François erklärt uns, wie wir die Kiefern auseinanderhalten können. Strandkiefern erkennt man am dunklen, rötlichen Stamm und den größeren Zapfen. Die Laricio-Kiefer hat kleinere Zapfen. Ihr Holz wird traditionell im Bootsbau verwendet. Einst war der Wald von Bonifatu Jagdrevier. Der vielleicht bekannteste Jäger war Pierre Napoléon Bonaparte, der Neffe von Napoléon I, der hier Hirsche und Mufflons zu erlegen versuchte.
Über uns hören wir einen Hubschrauber. Gerade sind Instandsetzungsarbeiten an einer Schutzhütte in Gang – der Hubschrauber transportiert Baumaterial in die Höhe. Unser Ehrgeiz ist begrenzt, aber sportliche Wanderer können den GR20 laufen. In 15 Tagen gelangt man von Calenzara nach Conca nahe Porto Vecchio. Der 180 km lange Fernwanderweg gilt als einer der schwierigsten und anspruchsvollsten überhaupt, da er über weite Strecken durch eine menschenleere Hochgebirgslandschaft führt. Laufen kann man ihn von Juni bis Oktober, da er nur in dieser Zeit schnee- und eisfrei ist. Kennzeichen des GR20 ist ein weißer und roter Streifen.
Eher für das breite Publikum geeignet ist der Wanderweg Mare è Monti, der Berge und Meer verbindet und insgesamt in viel niedriger Höhe verläuft. Die nördliche Strecke führt von Calenzara nach Cargèse und kann in zehn Tagen bewältigt werden. Wir drehen nur eine kleine Runde durch den Wald von Bonifatu und widmen uns dann einer anderen korsischen Spezialität: dem Gumpenbaden.
Gumpenbaden im Figarella
Nach der kleinen Wanderung durch den Wald geht es ins kühle Nass: über eine Seilbrücke gelangen wir ins Flussbett des Figarella. Knapp 20° C ist das Wasser kalt – Erfrischung pur! Mein Tipp: nehmt euch Badesandalen mit – das schont die Fußsohlen!
In der Auberge de la Forêt
Wandern macht hungrig und Baden erst recht. Wir kehren ein in der Auberge de la Forêt und suchen uns einen schattigen Platz auf der großen Terrasse. Rustikale korsische Küche wird hier serviert und schon die Auswahl an Vorspeisen überfordert uns. Sehen wir so ausgehungert aus?

Auf Korsika muss niemand verhungern: Kalbswürstchen mit Kartoffelpüree in der Auberge de la Forêt nahe Calvi
Als Hauptspeise wähle ich Kalbswürstchen mit Kartoffelpüree aus – unglaublich würzig, unglaublich lecker. Und ein Dessert muss natürlich auch sein: Fiadone – korsischer Käsekuchen.
Das Land, in dem Honig und Wein fließen
Was mich immer schon tief beeindruckt hat: die Korsen lieben ihre Insel, ihre Sprache und ganz eigene Kultur. Und die Produkte, die die Insel hervorbringt. Auch Besucher können zu Entdeckern werden und zum Beispiel über die Route des sens authentiques korsische Produkte ausfindig machen und ihre Produzenten kennenlernen. Doch es lohnt sich immer, die Augen offen zu halten. Wir haben uns zwei Produzenten angeschaut.
Das Gebäude der Miellerie Handler liegt unscheinbar an der Straße Richtung Flughafen. Adam Handler schaut irritiert, als wir vor seiner Tür stehen. Er hatte unseren Termin für einen anderen Tag in seinem Kalender eingetragen. Aber er ist ein Meister der Improvisation und über sein Lieblingsthema zu sprechen fällt ihm nicht schwer.
Adam zeigt uns die Gerätschaften, die ein Imker benötigt, und erklärt seine Arbeit in den verschiedenen Jahreszeiten sowie die verschiedenen Produkte wie Gelee Royale. Die korsischen Bienen haben Charakter, sind wild und stechen viel und schnell. Und sie spüren sich änderndes Wetter. Sie gibt den Rhythmus vor. Eine faszinierende Welt, in der Adam heute noch genau so wie vor hundert Jahren arbeitet.
Adam hat nicht immer als Imker gearbeitet, sondern war für das französische Militär tätig. Erst als er mit 45 Jahren in den Ruhestand geschickt wurde, entdeckte er die Imkerei für sich. Seien Bienenstöcke stehen in der Balagne und in der Castagniccia. Die Verkostung der sechs Honigsorten zeigt die ganze Vielfalt seiner Produktion. Vom klaren und dünnflüssigen Frühlingshonig geht es über Kastanienhonig hin zu einem extrem würzigen sog. Wikingerhonig mit unglaublich intensivem Karamellaroma. Wow, was für eine Geschmacksexplosion! Alle Sorten können im Hofladen zu einem extrem günstigen Preis erstanden werden.
Weiter geht es zur Domaine A Ronca. Seit 2009 werden hier AOP-Weine in Bioqualität produziert. 38 Hektar groß ist die Anbaufläche bei Calenzara; neben Trauben werden auf weiteren 15 Hektar Zitrusfrüchte angebaut. Von den Weinstöcken aus bietet sich ein wunderbarer Blick über die Bucht von Calvi oder zur anderen Seite auf die Berge der Balagne.
Hinter der Adresse verbergen sich gleich zwei Weingüter. Die Domaine Figarella gehört dem Vater, A Ronca der Tochter, Marina Acquaviva. Und deren Weine stehen zur Verkostung bereit. Vermentino-Weißweine, ein ganz heller Roséwein und Rotwein, der leicht gekühlt getrunken wird. Und zum Abschluss probieren wir Apéritifweine aus Mandarine und Orange. Alle Produkte können im Hofladen verkostet und direkt vor Ort gekauft werden.
Übernachtungstipp in Calvi: Hôtel Saint-Christophe
Das Hôtel Saint-Christophe hat alles, was Reisende glücklich macht, und das bei offiziell drei Sternen. Das Haus verfügt über eine perfekte Lage direkt am Wasser und am Fuß der Zitadelle. Das Stadtzentrum von Calvi ist in wenigen Gehminuten zu erreichen.
Nur auf den ersten Blick irritierend ist, dass man die Treppen hinuntergehen oder mit dem Fahrstuhl hinunterfahren muss, um zu den Zimmern zu gelangen – diese Besonderheit erklärt sich durch die Lage am Felsen. Die Zimmer sind unglaublich groß und verfügen über eine Terrasse, von der aus man den Blick auf´s Meer genießen kann.

Komfortable Zimmer mit Terrasse und Meerblick – das Hôtel Saint-Christophe in Calvi ist eine echte Wohlfühladresse
Besonders gefallen hat mir auch der lichtdurchflutete Frühstücksraum – natürlich mit Meerblick. Frische Säfte, Früchte, Schinken und Käse, Nüsse, Konfitüren und Canistrelli, dazu ein guter Kaffee. Mehr braucht es nicht, um gut in den Tag zu starten.

Schon beim Frühstück den Meerblick genießen – der Frühstücksraum des Hôtel Saint-Christophe in Calvi
Ein Schwimmbad mit Panoramablick gibt es ebenso wie eine Bar und ein Restaurant, dazu ein Parkplatz. Auch dank des freundlichen Personals: Für mich ist das Hôtel Saint-Christophe eine absolute Wohlfühladresse!
Neugierig geworden?
Seid ihr neugierig geworden auf Calvi und die Balagne? Dann schaut euch doch einmal auf der Website der Balagne um! Hier werden die Gemeinden Calvi und Ile Rousse ebenso vorgestellt, wie die Dörfer des Hinterlandes und die Bergregion. Das Dorf Calenzana ist das Eintrittstor zum Fernwanderweg GR 20 sowie zum Mare è Monti.
Möchtet ihr noch andere Ecken von Korsika erkunden, dann bietet die Seite des Tourismusverbandes Visit Corsica eine Fülle von Anregungen. Flüge findet ihr bei Air Corsica. Die Verbindung von München nach Calvi verkehrt zwischen dem 28. Juni und 13. September 2026; sie wird im Sommer 2027 wieder aufgenommen. Für alle, die gerne mit einem gedruckten Reiseführer unterwegs sind, kann ich den Korsika-Band des inzwischen verstorbenen Marcus X. Schmid aus dem Michael Müller Verlag empfehlen. Falls ihr einen Wanderführer sucht, dann bieten sich der MM-Wandern-Band von Christoph Berg an oder der Rother Wanderführer von Klaus Wolfsperger.
Offenlegung
Ich hatte das Glück, für meinen Arbeitgeber eine Pressereise nach Korsika anlässlich des Erstfluges mit Air Corsica von München nach Calvi begleiten zu dürfen. Das Programm der Reise wurde von der Agence du Tourisme de la Corse in Zusammenarbeit mit dem Office de Tourisme Calvi Balagne zusammengestellt. Die Flugtickets wurden von Air Corsica zur Verfügung gestellt. Die beschriebenen Eindrücke sind meine eigenen.
Der Blick auf Calvi vom Wasser aus - im Hintergrund die Berge 






































