Bonner Bescheidenheit: der Kanzlerbungalow

Der Kanzlerbungalow in BonnDer Kanzlerbungalow in Bonn

Könnt ihr euch noch an die Zeit erinnern, als Bonn Hauptstadt war? Gefühlt hat sich die Welt  damals noch viel langsamer gedreht. Ab und zu sind wir nach Bonn gefahren, um Besuchern das Regierungsviertel zu zeigen, wobei es uns vor allem zu den vielen Botschaften exotischer Länder zog. Man konnte dort ohne Weiteres vorfahren und sich die Gebäude anschauen, denn eine Bewachung war damals noch nicht nötig. Ich kann mich nicht erinnern, ob wir damals auch beim Bundestag oder beim Bundesrat waren – wahrscheinlich schon, aber auf jeden Fall waren die Gebäude in den Fernsehnachrichten präsent. Heute sind sie Teil des ´Weges der Demokratie´, auf dem man die Geschichte Bonns und der Bundesrepublik erleben kann.

Der ehemalige Bundesrat

Der ehemalige Bundesrat

Damals konnte ich mir jedoch nicht im Traum vorstellen, einmal das Gebäude zu betreten, wo Helmut Kohl auf dem Sofa saß oder Loki Schmidt ihren Tee kochte.

Der Kanzlerbungalow

Die Sicherheitskontrolle ist langwierig und sehr gründlich. Bereits vor der Ankunft in Bonn muss man seine Daten angeben, zur Überprüfung durch die Bundespolizei. Und ja, ich bin ungeduldig und kann ganz schlecht warten. Dennoch: hier herrscht rheinische Gelassenheit, denn die Polizistin an der Sicherheitsschleuse bricht in schallendes Gelächter aus, als sie auf dem Röntgengerät in meiner Tasche einen Gegenstand ausmacht, der wie ein Schneebesen aussieht. Den trage ich natürlich immer mit mir herum, wenn es auf Pressereisen mal wieder nichts zu essen gibt und ich mir eine Tütensuppe anrühren will… Ich weiß bis heute nicht, was sie auf dem Bildschirm gesehen hatte, durfte aber trotzdem rein.

Der Kanzlerbungalow ist kein Museum, für das man einfach eine Eintrittskarte kaufen kann, sondern liegt in unmittelbarer Nachbarschaft des ehemaligen Bundeskanzleramtes, das heute als Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung genutzt wird, und dem Palais Schaumburg. Daher die Sicherheitsvorkehrungen.

 

Ein Spaziergang durch einen schönen Park mit altem Baumbestand führt zu einem fast unscheinbaren Gebäude – dem Kanzlerbungalow, der von 1964 bis 1999 als Wohn- und Empfangsgebäude der deutschen Bundeskanzler genutzt wurde.

Rheinblick

Rheinblick

Konrad Adenauer kam täglich von seinem Haus in Rhöndorf nach Bonn, um seine Dienstgeschäfte zu verrichten, und der erste Bewohner des Kanzlerbungalows war Ludwig Ehrhard. Bereits in seiner Zeit als Wirtschaftsminister vergab er den Auftrag für ein repräsentatives und modernes Gebäude an den Architekten Sep Ruf, der auch schon sein Privathaus gebaut hatte. Heute gilt der Bau von Franz Joseph Ruf, so der vollständige Name des Architekten, als bedeutendes Beispiel der bundesrepublikanischen Nachkriegsarchitektur der 1960er Jahre und als Bekenntnis zur jungen Demonkratie.

Blick auf die Rückseite des Kanzlerbungalows

Blick auf die Rückseite des Kanzlerbungalows

Bonn galt immer als bescheidene Hauptstadt, die ohne den Prunk repräsentativer Bauten auskommt. Genau das ist auch der Eindruck, den der Kanzlerbungalow vermittelt. Fast schwerelos scheint er im Park zu schweben, fast unauffällig. Die Basis bildet eine Stahlskelettkonstruktion, auf der ein Flachdach ruht. Sep Ruf setzte dann zwei Quadrate einander leicht versetzt gegenüber. Das größere Quadrat mit einer Kantenlänge von 24 Metern ist den repräsentativen Aufgaben des Bundeskanzlers vorbehalten; das kleinere Quadrat mit einer Kantenlänge von 20 Metern ist der Wohnbereich. Jedes der beiden Quadrate umschließt ein 8 Mal 8 Meter großes Atrium. Übrigens: der Bau hat nur zwei Millionen D-Mark gekosten – ein Schnäppchenpreis, zumindest aus heutiger Perspektive.

Blick ins Atrium

Blick ins Atrium

Repräsentatives….

Der erste Bewohner und Nutzer des Gebäudes war Ludwig Erhard, der befand, dass der Bau in seiner Architektur und seiner Ausstattung ganz seinem Wesen sowie dem seiner Frau entsprach. Dieses Lob teilten nicht alle seiner Nachfolger, aber jeder hinterließ seinen Fingerabdruck. Und zahlte übrigens auch Miete an die Bundesrepublik. Die Raumkonstruktion ist variabel und praktisch gehalten, die verwendeten Materialien sind edel und schlicht. Das Arbeitszimmer von Ludwig Erhard ist allerdings auch sehr dunkel. Immerhin, beim Blick aus dem Fenster ahnt man den Rhein.

 

Der repräsentative Empfangsbereich gefällt mir wegen seiner Großzügigkeit. Der Architekt hat überaus praktisch gedacht und eine variable Nutzung der Räume vorgesehen. Es lassen sich Trennwände einziehen oder versenken und einzelne Räume abtrennen. Und das Tolle: all das funktioniert auch heute noch! Im Vordergrund ist eine Sitzgruppe mit den überaus komfortablen Lobby-Chairs von Charles und Ray Eames zu sehen, nach einem Entwurf von 1960. Zu gerne hätte ich sie einmal ausprobiert…. Und im Hintergrund das sog. Kanzlersofa von Sep Ruf. Der Mann am Klavier hat vor dem Fenster Platz genommen.

Der große Empfangsraum

Der große Empfangsraum

Im Speiseraum fällt vor allem der Halogen-Sternenhimmel auf – eine Idee von Helmut Kohl, der auch Seidenstoff über Wände ziehen ließ oder Perserteppiche verlegte. Er bewohnte den Kanzlerbungalow am längsten: fast 17 Jahre. Sein Nachfolger Gerhard Schröder hatte offenbar einen deutlich anderen Geschmack, den er ließ Kohl weiterhin hier wohnen und nutze nur den repräsentiven Teil des Hauses, wenn Gäste kamen.

Sternenhimmel im Speisezimmer

Sternenhimmel im Speisezimmer

Im Jahre 1977, als die Sicherheitsmaßnahmen wegen des RAF-Terrors verstärkt wurden, setzte man eine Panzerglasfront vor die Terrasse, um einem Beschuss der tagenden Runde vom gegenüberliegenden Rheinufer zu verhindern. Heute hat die Front tatsächlich einen Sprung, der aber nicht auf einen Anschlag zurückzuführen ist.

Hinter Panzerglas

Hinter Panzerglas

 

… und Privates

Der private Teil des Hauses wirkt auf mich eher bedrückend. Ich kann mir hier kein glückliches Familienleben vorstellen. Alles ist zwar praktisch angelegt, aber auch sehr eng und piefig.

 

Ein Raum jedoch hat mich nachhaltig beeindruckt und zwar die Küche. Relativ groß und professionell eingerichtet. Klar, wenn Staatsgäste im Haus waren, dann musste in Küche und Service alles klappen wie in einem Sternelokal. Es versteht sich von selbst, dass der Architekt kurze Wege von der Küche in den Speisesaal eingeplant hat. Geschirr und Besteck konnte man in unauffälligen Wandschränken verschwinden lassen.

Kanzlerküche

Kanzlerküche

 

Information: das Haus der Geschichte lohnt immer einen Besuch und macht auch die historischen Orte in Bonn der Öffentlichkeit zugänglich. Alles, was man für den Besuch wissen muss, findet sich auf der Website Haus der Geschichte – Historische Orte.

Offenlegung: die VDRJ (Vereinigung deutscher Reisejournalisten) hat im Herbst 2019 ihre Jahrestagung in Bonn abgehalten. Im Rahmen des touristischen Programms am Rande dieser Tagung durfte ich das Bonner Regierungsviertel neu entdecken.

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