Ein Traum ist wahr geworden! So lange ich denken kann, habe ich immer davon geträumt, Museen nicht nur tagsüber zu besuchen, sondern auch einmal eine ganze Nacht in einem Museum zu verbringen. Nur die Kunst und ich. Eingeschlossen und alleine zwischen Kunstwerken, die mich in andere Welten entführen und neue Dinge entdecken lassen. Vor Jahren habe ich einmal eine Nacht in einer Bibliothek verbracht, im Château de Syam, im französischen Jura. Die knirschenden Holzböden habe ich noch im Ohr, den Geruch von altem Papier noch in der Nase. Und jetzt habe ich in der Seine-et-Marne, im Pariser Umland, eine Adresse gefunden, die garantiert das Herz jedes Kunstliebhabers Purzelbäume schlagen lässt: die Besharat Gallery in Barbizon.
Auf nach Barbizon!
Barbizon hat in der Welt der Kunst einen Ruf wie Donnerhall . Auch wenn man nicht unbedingt eine Vorstellung vom Ort selbst hat, so ist doch die Schule von Barbizon, die einst die Welt der Kunst revolutionierte, jedem ein Begriff. Erste Zugverbindungen machten von Paris aus eine Reise in das Umland der französischen Hauptstadt möglich. Fontainebleau und vor allem der Wald von Fontainebleau zogen Künstler magisch an. Sie vollzogen eine Abkehr von der akademischen Malerei und zogen mit ihren Skizzenbüchern und Staffeleien in den Wald. Die Natur selbst in all ihren Erscheinungsformen wurde zum Thema.
Barbizon ist heute ein winzig kleiner Ort mit rund 1.300 Einwohnern und dennoch unglaublich viel Leben. Die Hauptstraße ist gerade mal 900 Meter lang, bietet aber zwei Museen und etliche Galerien. Hier findet sich auch die Besharat Gallery – was für eine Entdeckung!
Die Besharat Gallery – die Kunst, mit Kunst zu leben
Schon als wir ankommen, merke ich, dass dieser Ort ein ganz besonders Flair hat. Ein teuer aussehender, blankpolierter Morgan steht direkt hinter dem Gartentor, aber wir steuern gleich durch den üppig wuchernden Garten auf den Eingang der Galerie zu. Was für ein Fest für´s Auge! Wir blicken in einen großen und hellen Raum, der vollgestopft ist mit Kunst. Nicht die akademische Stille eines Museums, sondern ein Raum zum Leben, bunt und kreativ.
Das ist genau das Konzept der Besharat Gallery: hier wir die Kunst praktiziert, mit Kunst zu leben. Und es sind farbenfrohe Kunstwerke und großformatige Fotos, die von den Wänden prangen. Lebensgroße Skulpturen, die aus dem Abfall der modernen Welt zusammengesetzt sind, und daneben Vespas und Fahrräder, aber auch kleine Sitzgruppen und Sofas. Sogar ein Piano steht in der Tiefe eines Raumes. Ein ganz besonderes Universum!
Unser Gastgeber Luigi scheint an die verwunderten Blicke seiner Gäste gewöhnt zu sein. Diese Galerie sei das Haus eines Kunstsammlers und Mäzens, so erklärt er uns. Massoud Besharat hat sich hier einen Lebenstraum erfüllt.
Wir erfahren nur wenige Details aus dem Leben von Massoud Besharat. Während der islamischen Revolution floh er einst aus dem Iran. Heute hat er wie seine Frau die englische Staatsbürgerschaft, die beiden zogen dann aber in die USA, wo er als Besitzer eines Steinbruchs in Georgia zu einigem Vermögen kam. In Atlanta gründete er dann 2007 seine erste Galerie, in einem 4.000 Quadratmeter großen Backsteinbau mit sieben Meter hohen Decken aus der Zeit der Jahrhundertwende. Sein Projektpartner: Luigis Vater. Luigi selbst ist in Caracas / Venezuela geboren und verbrachte vier Jahre seines Lebens in Atlanta, bevor er über Italien nach Barbizon kam.
Nach Barbizon kam Massoud Besharat 30 Jahre lang, um Kunst in den Galerien des Ortes zu kaufen. Und jetzt besitzt er hier seit 2012 eine eigene Galerie. Bei den ausgestellten Künstlern kommt es ihm nicht auf das Prestige oder den Wert ihrer Werke an. Die Kunst muss Besharat gefallen, und auch junge Talente bekommen ihre Chance. Besharat kennt alle Künstler persönlich und im Lauf der Jahre sind viele Freundschaften entstanden. Schläft die Freundschaft im Laufe der Zeit wieder ein, dann kann es auch sein, dass die Werke aus der Galerie verschwinden. Insgesamt ist die Galerie in Barbizon ein Verlustgeschäft – nicht schlimm, es ist seine Passion.
Den US-amerikanischen Fotografen und visuellen Geschichtenerzähler Steve McCurry, dessen Fotos in der Galerie ausgestellt sind, kennt Besharat sein rund 20 Jahren. Die beiden verbindet eine enge Freundschaft.
Und auch Murano-Glas ist zu sehen – wundervolle, ebenso üppige wie filigrane Leuchter. In Venedig ist dies eine sterbende Kunst. Objekte, die heute dort verkauft werden, werden oftmals von chinesischen Firmen hergestellt. Was für ein Verlust an Kulturerbe! Aber hier in Barbizon ist die Welt noch in Ordnung. Der Sand für das Murano-Glas stammt übrigens aus dem Wald von Fontainebleau. Auch der Versand der Leuchter ist kein Problem – sie können wir ein Puzzle auseinander und anschließend wieder zusammengesetzt werden.
Die Besharat-Stiftung
Die Galerie ist für Erwachsene gemacht, bei der Besharat-Stiftung dreht sich jedoch alles um Kinder. Und die sollen von Kunst umgeben auswachsen. Die Stiftung dient Kultur und Bildung und soll zugleich Respekt und Empathie fördern. Auf Fotos sieht man, dass Besharat selbst sich eine fast kindliche Begeisterungsfähigkeit bewahrt hat. Die Besharat-Stiftung organisiert Ausstellungen und stellt Kindern weltweit Kunstwerke zur Verfügung.
Die Geschichte des Hauses
Die Villa La Charmette ist Heim der Besharat Gallery geworden. Sie stammt aus dem 19. Jahrhundert und beherbergte lange Zeit ein Hotel-Restaurant, stand dann leer und verfiel aber mit der Zeit. Luigi erzählt, wie großzügig die Unterstützung der Gemeinde war. Der Bürgermeister höchstselbst erteilte die Erlaubnis, eine Galerie mit einigen Gästezimmern zu eröffnen.

Ursprünglich war die Villa La Charmette ein Gasthof, heute ist hier die Besharat Gallery in Barbizon zu finden
Besharat lebt heute zeitweise in Paris und verbringt die meiste Zeit des Jahres in Frankreich. Er liebt das Radfahren – davon zeugen auch die Fahrräder in der Galerie – und die Begegnung mit Menschen. In seinem Heim in Barbizon gibt er Menschen die Gelegenheit, das Leben eines Sammlers einmal auszuprobieren.
Die Reisegewohnheiten ändern sich mit der Zeit. in den 1979er und 1980er Jahren zog es viele Amerikaner nach Barbizon. Dann kamen die Anschläge des 11. September, viel später Covid. Und nun entdecken auch viele Franzosen das eigene Land neu. Ein Ausflug nach Barbizon, das ist eine schöne Wochenendreise. Das Interesse, Kunst zu kaufen, hat jedoch nachgelassen. Vor allem die Mittelklasse kann es ich auch schlicht nicht mehr leisten.
Eine Tafel an der Hauswand verweist übrigens auf hohen Besuch: Prinzessin Elisabeth und Gemahl Prinz Philip, waren am 17. Mai 1948 in Les Chaumettes zu Gast – noch vor ihrer Krönung zur englischen Königin. Der ebenso einfache wie ehrenwerte Grund für den Besuch: die Eigentümer von Les Chaumettes hatten jede Kollaboration mit den Nazis verweigert und auch Mitglieder der Familie Citroen versteckt.
In Kunst übernachten: die Suiten der Besharat Gallery
Besucher, die das Erlebnis verlängern möchten, können in einer der fünf Suiten der Besharat Gallery übernachten. Massoud Besharat wählte jedes Gemälde, jedes einzelne Stück in den Suiten selbst aus. Und die Zimmer sind urgemütlich, ein richtige Zuhause auf Zeit.
Das Schicksal meint es zweifellos gut mit mir, denn ich bekomme die Schlüssel der Suite Yoza. 55 Quadratmeter Fläche, die für nur zwei Personen gedacht sind, ein King-Size-Bett, dessen weiche Stoffumrandung mich an einen Blumenkelch denken lässt, zwei üppige Sofas sowie eine voll ausgestattete Küche nebst großem Esstisch.
Die Werke meiner Suite stammen vom japanischen Künstler Eishin Yoza. Der wurde 1951 auf der Insel Ishigaki in Okinawa, Japan geboren. Über Tokio zog es ihn zunächst in die Vereinigten Staaten und dann nach Europa, wo er die europäische Malerei studieren wollte. Im Wald von Fontainebleau fand er die Inspiration für einige winterliche Impressionen. Eine Einladung zur Meditation!
Meine Meditation sieht ganz einfach aus: ich probiere jedes Sofa, jede Sitzgelegenheit aus, um die Werke aus verschiedenen Perspektiven und in unterschiedlichen Lichtstimmungen zu betrachten. Und eigentlich will ich hier nie wieder weg! Übrigens, wer ein Kunstwerk kauft, der kann kostenfrei in der Besharat Gallery übernachten.
Jede der fünf Suiten ist unterschiedlich gestaltet. Eine ist den Werken von Jean-Francois Larrieu gewidmet, eine andere Jean Arcelin und eine dritte der Schule von Barbizon.
Ich würde Massoud Besharat nur zu gerne einmal kennenlernen! Heute ist er 78 Jahre alt und scheint eine schillernde und großzügige Persönlichkeit zu sein. Den Respekt vor allen Menschen ungeachtet ihrer finanziellen Situation scheinen ihm wichtig. Und er liebt es zu handeln.
Besucher, die in einer der Suiten übernachten, haben auch rund um die Uhr Zugang zur Galerie im Erdgeschoss. Luigi zeigt und die Lichtschalter, mit der wir entweder alles hell erleuchten oder gezielt einzelne Werke anstrahlen können.
Auch der Garten ist ein kleines Paradies – kleine Sitzgruppen zwischen üppig wachsendem Grün, plätschernden Brunnen und natürlich Kunst. Hier auf der Terrasse serviert Luigi am nächsten Morgen auch das Frühstück, mit allerbesten Backwaren vom Dorfbäcker….
Neugierig geworden?
Falls ihr mehr über die Besharat Gallery wissen wollt, dann schaut doch einmal auf der Website der Galerie vorbei. Hier erfahrt ihr alles über die beiden Standorte in Atlanta und Barbizon, die ausgestellten Künstler und könnt auch Zimmer buchen und damit die Provisionszahlung an Buchungsplattformen vermeiden. Für die Besharat Foundation gibt es eine eigene Website. Wer wissen will, was das die Region zu bieten hat, der ist auf der Seite von Seine-et-Marne Attractivité gut aufgehoben. Vor Ort ist es einfach: wenn vor der Galerie steht und dann Haus im Rücken habt, dann geht es nach recht zum Museum der Schule von Barbizon und nach links zum Wald von Fontainebleau.
Offenlegung
Ich hatte das große Glück, im Auftrag meines Arbeitgebers eine kleine Gruppe deutscher und österreichischer Journalisten in die Seine-et-Marne zu begleiten. Das Programm der Reise wurde vom Tourismusverband Seine-et-Marne Attractivité ausgearbeitet und begleitet. Die beschriebenen Eindrücke sind meine eigenen.
Leben in Kunst: ein Blick in die Besharat Gallery in Barbizon 



























Très étonnant ! Ich habe in Barbizon die ehemalige Auberge Ganne besucht, in der noch unzählige Wände, Möbel, und alles worauf man irgendwie zeichnen und malen kann, von den Künstlern der Ecole de Barbizon zeugen. Heute ist es ein sehr interessantes musée départemental.
Liebe Andrea, dort waren wir auch – ein Beitrag dazu und zum Wald von Fontainebleau folgt noch. Die Besharat Gallery ist nur einige Schritte von der Auberge Ganne entfernt.
Liebe Monika, es gibt nicht viele Menschen in unserem Genre, die alles Interessante auf den Punkt bringen können so wie Du. Chapeau Madame! Mit freundlicher Erlaubnis würde ich den Beitrag gerne an meine Freundin Barbara Dietrich, CEO bei Diplomatic World, weiterleiten. Ich treffe und arbeite mit ihr bei der Reit-WM in Aachen. Zuvor habe ich Barbara bei der Tefaf in Maastricht getroffen, von der ich einen Artikel im Topmagazin Aachen veröffentlicht habe. Herzliche Grüße Frank
Lieber Frank, danke für deinen Kommentar und dein Lob! Natürlich kannst du den Beitrag weiterleiten. Ich wünsche der Galerie und auch Barbizon und der Seine-et-Marne viele Besucher.