Arc-et-Senans – die Königliche Saline als visionäres Architekturprojekt

Das Haus des Direktors - zentrales Element der Königlichen Saline von Arc-et-SenansDas Haus des Direktors - zentrales Element der Königlichen Saline von Arc-et-Senans

Es gibt Momente, die bleiben in Erinnerung. Ich weiß nicht mehr genau, wann es war. Wir saßen beim Frühstück und genossen den ersten Kaffee des Tages, als wir plötzlich draußen einige Heißluftballons vorbeiziehen sahen. Wir sind natürlich gleich hinausgelaufen, um uns das Schauspiel anzusehen: mehrere bunte Heißluftballons, die vor hellblauem Himmel recht niedrig und absolut lautlos über diese phantastischen Architektur hinwegglitten. Was für ein Spektakel, in der absoluten Stille dieses Morgens. Und welcher Blick muss das erst von oben aus sein, auf die Königliche Saline von Arc-et-Senans.

Jetzt bin ich zurück, in der Königlichen Saline von Arc-et-Senans, im Département Doubs, Teil der Großregion Bourgogne-Franche-Comté. Die Saline zeugt von der reichen Geschichte der Salzproduktion und trägt die Auszeichnung als UNESCO-Welterbe. Die Manufaktur von Arc-et-Senans ist ein Werk des Architekten Claude-Nicolas Ledoux, Zeugnis der Industriegeschichte und zugleich ein Meisterwerk der Architektur der Aufklärung. 

Imposantes Eingangsportal - Saline Royale d´Arc-et-Senans

Imposantes Eingangsportal – Saline Royale d´Arc-et-Senans

Was heute Besucher zunächst sehen, das ist das überaus wuchtige und beeindruckende Eingangsportal, das aus acht dorischen Säulen ohne Sockel vor einer künstlichen Höhle besteht. Die unregelmäßigen Steinbrocken lassen an die unterirdischen Quellen der Salzlake denken. Sobald man das Eingangsportal durchschritten hat, ist man in einer anderen Welt – einer Welt der Symmetrie und Ordnung, einer Welt der Stille. Das Gelände der Saline ist halbkreisförmig angelegt. Jedes Gebäude hat seine Entsprechung und alles wird vom zentralen Haus des Direktors dominiert. 

Hinein in die Höhle - Saline Royale d´Arc-et-Senans

Hinein in die Höhle – Saline Royale d´Arc-et-Senans

Arc-et-Senans und die Geschichte des weißen Goldes

Heute ist die Königliche Saline nicht wegen der Salzproduktion, sondern vor allem wegen ihrer visionären Architektur bekannt. Wir starten unseren Besuch dennoch in einem Museum zur Geschichte der Salzgewinnung in der Franche-Comté. In dieser ständigen Ausstellung im Erdgeschoss des Hauses des Direktors erfährt man, wie einst alles begann. 

Gradierbauten der Saline von Chaux - im Museum zur Geschichte der Salzgewinnung in der Königlichen Saline von Arc-et-Senans

Gradierbauten der Saline von Chaux – im Museum zur Geschichte der Salzgewinnung in der Königlichen Saline von Arc-et-Senans

Die Geschichte der Salzproduktion in der Franche-Comté beginnt im 8. Jahrhundert in Salins, im französischen Jura. Seit dem frühen Mittelalter nutzten die Menschen das Wasser aus natürlichen Quellen, um durch das Erhitzen der Sole Salz zu gewinnen. Als Brennstoff wurden große Mengen Holz benötigt – eigentlich kein Problem in einer waldreichen Region, wenn man es denn mit den Abholzungen nicht übertreibt. Während 1.200 Jahren wurde in der Grande Saline von Salins-les-Bains Salz produziert, bis 1962 endgültig die Lichter ausgingen.

Noch heute kann man in Salins, rund 15 Kilometer von Arc-et-Senans entfernt, Teile dieser alten Anlagen besichtigen: eine 165 Meter lange unterirdische Galerie aus dem 11. Jahrhundert, Wasserrad, Holzpendel und eine Pumpe aus dem 19. Jahrhundert. Die letzten Handwerksgeräte sind heute im Museum in Arc-et-Senans zu sehen, etwa ein alter Salzkarren und die letzte Salzpfanne. 

Im 18. Jahrhundert wuchs die Bevölkerung stark und die Nachfrage nach Salz stieg – es wurde für´s Pökeln und für die Käseherstellung benötigt und zudem hatte der französische König sich verpflichtet, Salz in die Schweiz zu liefern -, so dass die Salzproduktion gesteigert werden musste. Eine Erweiterung der Anlage war jedoch in Salins-les-Bains nicht möglich – damit schlug die Stunde von Arc-et-Senans. Die Königliche Saline entstand quasi als Bindeglied zwischen den beiden Dörfern Arc und Senans, und der riesige Wald von Chaux sollte das Brennholz liefern.

Leitungssystem aus Fichtenstämmen - Saline Royale d´Arc-et-Senans

Leitungssystem aus Fichtenstämmen – Saline Royale d´Arc-et-Senans

Unglaublich zu sehen, dass das salzhaltige Wasser über ineinandergesteckte Fichtenstämme von Salins aus hergeleitet wurde. 

Visionärer Architekt der Königlichen Saline: Claude-Nicolas Ledoux 

Claude-Nicolas Ledoux wurde im Département Marne, östlich von Paris, geboren und führte als klassizistischer Architekt zahlreiche private und öffentliche Bauvorhaben durch. Gemeinsam mit Etienne-Louis Boullée entwickelte er sich später zum herausragenden Vertreter der Revolutionsarchitektur. 

Im öffentlichen Auftrag kümmerte Ledoux sich um Straßen und Brücken, wurde schließlich Bevollmächtigter für die Salzbergwerke in Lothringen und der Franche-Comté. Eine Inspektionsreise ließ ihn 1771 die Unwirtschaftlichkeit der Saline in Salins entdecken, und zack, war die Idee einer ganz neuen Saline geboren. König Ludwig XV gab als Besitzer der Salinen grünes Licht für das Projekt. 

Claude-Nicolas Ledoux und der Geist des Ortes, Saline Royale d´Arc-et-Senans

Claude-Nicolas Ledoux und der Geist des Ortes, Saline Royale d´Arc-et-Senans

Zwischen 1775 und 1779 wurden die elf Gebäude der Königlichen Saline von Arc-et-Senans als Produktionseinheit geschaffen. Rechts und links vom Haus des Direktors liegen die sog. Bernes – zwei große, langgestreckte Gebäude, in denen die Sole verdampft wurde. Gegenüber, als Teil des Halbkreises, waren die Werkstätten der Schmiede und der Fassmacher zu finden. Dazu kommen Wachgebäude am Eingang und die Unterkünfte für die Arbeiter, die das Gelände nicht verlassen durften. Auch wenn das Leben der Arbeiter kein Zuckerschlecke war – die Königliche Saline gilt heute als das Hauptwerk von Claude-Nicolas Ledoux. 

Die Königliche Saline von Arc-et-Senans heute

Zentrales Bauwerk der Königlichen Saline ist das Haus des Direktors. Es ist das Erste, was Besucher sehen, die durch das Eingangsportal treten. Es bildet das zentrale Element der Anlage, direkt gegenüber vom Portal gelegen, und überragt alle anderen Gebäude. Hohe Säulen und ein gewaltiger Giebel, in dem man ein Auge erahnen kann – hier zeigt die Architektur, wer das Sagen hat. 

„Jede Herrschaft muss gekrönt werden“ – dieses Motto hatte Claude-Nicolas Ledoux im Sinn, als er das Haus des Direktors entwarf. Das Gebäude ist in Kreuzform angelegt und der wichtigste Bau der Saline. Es hat die Aufgabe, die Herrschaft des Königs zu rühmen. 

Das Haus des Direktors und die beiden Salzwerkstätten der Königlichen Saline von Arc-et-Senans

Das Haus des Direktors und die beiden Salzwerkstätten der Königlichen Saline von Arc-et-Senans

Das Portal besteht aus sechs dorischen Säumen, wobei sich kubische und zylindrische Säulentrommeln abwechseln. Unglaublich, die Wirkung der Architektur bei Dunkelheit!

Das Haus des Direktors bei Nacht - Saline Royale d´Arc-et-Senans

Das Haus des Direktors bei Nacht – Saline Royale d´Arc-et-Senans

Im Erdgeschoss befanden sich neben einem Versammlungsraum die Büros der Verwaltung und der Justiz sowie eine Bank. Das erste Stockwerk war den Wohnräumen des Direktors und des Generalpächters vorbehalten. Die wuchtige Treppe in der Mitte des Gebäudes führte einst zur Kapelle, wo sonntags für die gesamte Belegschaft die Messe gelesen wurde. 

Vom Oculusfenster im dreieckigen Giebel hatte man das gegenüberliegende Eingangsgebäude genau im Blick. Es gewährleistete den kontrollierten Eingang zum Gelände der Saline. Im Erdgeschoss befanden sich zwei Gefängniszellen, ein Waschhaus sowie ein öffentlicher Backofen nebst Bäckerei. Die Nutzung dieses Backofens war obligatorisch – hier hatte man das Feuer unter Kontrolle. Im ersten Stock befanden sich die Wohnungen des Hausmeisters, der Wächter und des Geistlichen der Saline. 

Der Blick auf das Eingangsgebäude der Königlichen Saline von Arc-et-Senans

Der Blick auf das Eingangsgebäude der Königlichen Saline von Arc-et-Senans

Im Jahr 1982 wurde die Königliche Saline von Arc-et-Senans in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen – als 12. Stätte in Frankreich. Grund für die Auszeichnung war unter anderem die Bedeutung der Saline für die Entwicklung einer Industriegesellschaft und zugleich das steinerne Beispiel für die Philosophie der Aufklärung. 

Einst Salzwerkstätten, heute Centre des Lumières - Saline Royale d´Arc-et-Senans

Einst Salzwerkstätten, heute Centre des Lumières – Saline Royale d´Arc-et-Senans

UNESCO und Aufklärung – darum geht es im Centre des Lumières. Dort, wo früher die Arbeiter der Saline bei großer Hitze Salz produzierten, tauchen Besucher heute in die Welt der UNESCO-Welterbestätten ein. Der große, leere Raum bietet die Kulisse für großformatige Filmprojektionen. Wer mag, kann es sich in einem Liegestuhl gemütlich machen und auf große Reise gegeben – ins alte Ägypten oder nach Samarkand. 

Jede der beiden Salzwerkstätten ist 80 Meter lang. Hier befanden sich einst je vier eiserner Becken oder Pfannen, 15 x 6 Meter groß und ein Meter tief. Sie wurden in der Schmiede der Saline gefertigt und dienten dem Sieden des Salzes und der Reduktion der Salzlake über bis zu 72 Stunden. Man kann sich vorstellen, unter welchen schweren Bedingungen die Arbeiter hier tätig waren. 

Die Gebäude sind halbkreisförmig angeordnet. Rechts die ehemalige Salzwerkstatt, links das heutige Hotel der Königlichen Saline von Arc-et-Senans

Die Gebäude sind halbkreisförmig angeordnet. Rechts die ehemalige Salzwerkstatt, links das heutige Hotel der Königlichen Saline von Arc-et-Senans

Weit am Rand des Halbkreises, dort, wo früher die Wohngebäude der Arbeiter waren, können heute Gäste übernachten. Ganz klein auf der rechten Seite erscheint das Haus der Zöllner.

Achtung Zoll! Hier wurde die Salzsteuer berechnet - Saline Royale d´Arc-et-Senans

Achtung Zoll! Hier wurde die Salzsteuer berechnet – Saline Royale d´Arc-et-Senans

Das Gebäude ist – verglichen mit den anderen Bauten – recht klein, dafür aber umso bedeutender. Hier fanden sich Büros und Wohnungen der Kontoristen des Generalfinanzpachtamtes, die die sog. gabelle, die Salzsteuer einnahmen. Jede Salzmenge, die die Saline verlassen sollte, wurde hier erfasst und kontrolliert. Auch wenn das Haus über einen Innenhof verfügt: die zentrale Fassade weist in Richtung der Salzwerkstätten. 

Raum für Ausstellungen

Mehrere Wechselausstellungen sind jedes Jahr in der Königlichen Saline zu sehen. Besonders beeindruckt hat mich die Ausstellung über Corto Maltese, die Comicfigur des italienischen Zeichners Hugo Pratt. Die Geschichte des Abenteurers und Kapitäns ohne Schiff macht sich ganz hervorragend in der imposanten Architektur des Hauses des Direktors. 

Comics als Kunst: Corto Maltese in der Saline Royale d´Arc-et-Senans

Comics als Kunst: Corto Maltese in der Saline Royale d´Arc-et-Senans

Sonderausstellung Corto Maltese in der Königlichen Saline von Arc-et-Senans

Sonderausstellung Corto Maltese in der Königlichen Saline von Arc-et-Senans

Ein Museum für den Architekten der Königlichen Saline von Arc-et-Senans

Ein Museum, das einem einzigen Architekten gewidmet ist: das Ledoux-Museum bietet Besuchern eine faszinierende Reise in die Vorstellungswelt von Claude-Nicolas Ledoux. Auch wenn die Saline Royale Ledoux´ Meisterwerk ist: im Museum sind rund 60 Modelle zu betrachten, die alle Facetten seines Schaffens abdecken. Nicht nur öffentliche oder private Gebäude, auch Theater, Gefängnisse, Schulen, Zollgebäude und Freudenhäuser sind hier zu finden. Architektur ist dabei mit sozialen und wirtschaftlichen Reformideen verbunden. 

Schriften zur Architektur - im Ledoux-Museum der Königlichen Saline von Arc-et-Senans

Schriften zur Architektur – im Ledoux-Museum der Königlichen Saline von Arc-et-Senans

Die Formen sind klar und streng. Überall sehe ich einfache geometrische Formen – Kreise, Halbkreise und Quadrate. Ledoux nutzt die Architektur, um die Funktion der Gebäude auszudrücken. 

Die Königliche Saline im Modell - Arc-et-Senans

Die Königliche Saline im Modell – Arc-et-Senans

Im Ledoux-Museum, Saline Royale d´Arc-et-Senans

Im Ledoux-Museum, Saline Royale d´Arc-et-Senans

Claude-Nicolas Ledoux plante die Saline als Kern einer idealen Stadt. Diese Cité idéale sollte neben den Produktionsstätten Wohngebäude, Schulen, Gemeinschaftsbauten und Kirchen umfassen. Diese Vision einer funktionalen und harmonischen Einheit aus Arbeit und Wohnen, Kultur und Natur wurde nie umgesetzt, ist aber in Zeichnungen erhalten.

Gärten in Bewegung

In der Vorstellungswelt von Claude-Nicolas Ledoux sind Garten- und Landschaftsgestaltung ein wichtiger Teil eines Industrieensembles.  Arbeit, Wohnen und Natur sollen harmonisch zusammenwirken.  Der rationale Geist der Aufklärung zeigt sich in der Ordnung der Parzellen. Die Beete sind symmetrisch angelegt, Wege und Hecken ordnen den Raum. Doch der Garten hat auch eine praktische Funktion, wurden hier doch Obst, Gemüse und Heilpflanzen für die Arbeiter angebaut. Zudem ist der Garten Erholungsraum für die Arbeiter, der umgebende Wald bildet einen Puffer zur Umgebung. 30 Gärten mit insgesamt 13 Hektar Fläche sind von Landschaftsgärtner Gilles Clément inspiriert. Sie bilden eine Folge unterschiedlicher Stimmungen. Gärtner beobachten und begleiten die Natur. 

In den herbstlichen Gärten der Königlichen Saline von Arc-et-Senans

In den herbstlichen Gärten der Königlichen Saline von Arc-et-Senans

Hinter dem Haus des Direktors öffnet ein Tor den Blick auf den zweiten Halbkreis. Hier ist Raum für ein Gartenfestival, dessen Motto sich jährlich ändert. Der Garten der Farben und Düfte, der Heil- und Gewürzpflanzen bis hin zum Garten des Jurabogens. Mir wird klar: ich muss wiederkommen, wenn hier alles blüht.

Cercle Immense - hier öffnet sich der zweite Halbkreis der Königlichen Saline von Arc-et-Senans

Cercle Immense – hier öffnet sich der zweite Halbkreis der Königlichen Saline von Arc-et-Senans

Im UNESCO-Welterbe übernachten

Wann hat man schon einmal die Möglichkeit, im UNESCO-Welterbe zu übernachten? In der Saline Royale geht das – für Gäste stehen 31 Zimmer zur Verfügung. Die Zimmer bieten soliden 3 Sterne-Standard, vor allem aber den Ausblick auf die magisch angestrahlte Architektur der Saline bei Nacht. 

UNESCO-Welterbe, perfekt in Szene gesetzt und vom Hotelzimmer aus fotografiert - Saline Royale d´Arc-et-Senans

UNESCO-Welterbe, perfekt in Szene gesetzt und vom Hotelzimmer aus fotografiert – Saline Royale d´Arc-et-Senans

Auf dem Gelände der Königlichen Saline von Arc-et-Senans gibt es die Möglichkeit, in großzügigen, rustikalen Räumlichkeiten die gastronomischen Spezialitäten der France-Comté zu verkosten. Ein Star der Küche ist die gepökelte Morteau-Wurst, hier veredelt mit einer Soße mit köstlichem Comté-Käse. Oder Morbier-Käse, aus Kuhmilch hergestellt und erkennbar an der feinen Ascheschicht. Ein Genuß!

 

Neugierig geworden?

Falls ihr mehr über die Saline Royale d´Arc-et-Senans wissen wollt, dann schaut euch die Website an. Viele Informationen sind hier auch in deutscher Sprache verfügbar. Informationen zur Umgebung und zu weiteren Sehenswürdigkeiten finden sich auf der Seite der Montagnes du Jura

Hier fließt die Salzlake - Saline Royale d´Arc-et-Senans

Hier fließt die Salzlake – Saline Royale d´Arc-et-Senans

Offenlegung

Auf dem Weg zum Workshop France in Dijon, hatte ich die Gelegenheit, gemeinsam mit einer kleinen Gruppe von Reiseveranstaltern die Königliche Saline von Arc-et-Senans neu zu entdecken. Zu Übernachtung, Abendessen und Führung wurden wir eingeladen. Die beschriebenen Eindrücke sind meine eigenen.

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